Das bisschen Haushalt…

Wie war das in den 1970ern mit Musik und Fernsehen? Ich hing vor dem pixeligen Fernseher und zog mir jede Woche die Hitparade mit Dieter Thomas Heck rein. Ich lernte, das im Studio mit „Playback“ gesungen wird und dass die Interpret/innen nicht an den am Ende der Songs eingeblendeten Adressen wohnten. Costa Cordalis, Howard Carpendale, Gitte, Wencke Myrhe, Bata Ilic, Nana Mouskouri, Roberto Blanco, Vicky Leandros und wie sie alle hiessen – naja, irgendwie war die multikulturelle Gesellschaft damals auch schon in der Fernseh-Unterhaltung angedacht. Aber gesungen wurde auf Deutsch – zumeist ziemlich sinnfrei („Guten Morgen Sonnenschein„, „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ und – legendär – „Schön ist es auf der Welt zu sein„), aber – und das beeindruckte mich damals zutiefst – manchmal tiefsinnig („Am Tag, als Conny Kramer starb„, „Mein Freund der Baum ist tot“ ((„… er fiel im frühen Morgenrot“. Genau: der erste Öko-Song, lange vor Greenpeace. Aber die haben nicht gesungen, sondern sich angekettet.)) ), oder – und das blieb mir fast so gut in Erinnerung – auch schon ironisch:

„Das bißchen Haushalt macht sich von allein – sagt mein Mann
Das bißchen Haushalt kann so schlimm nicht sein – sagt mein Mann
Wie eine Frau sich überhaupt beklagen kann
Ist unbegreiflich – sagt mein Mann

Das bißchen Kochen ist doch halb so wild – sagt mein Mann
Was für den Abwasch ganz genauso gilt – sagt mein Mann
Wie eine Frau von heut‘ darüber stöhnen kann
Ist ihm ein Rätsel – sagt mein Mann

Und was mein Mann sagt, stimmt haargenau;
ich muss das wissen, ich bin ja seine Frau“

Mit diesem Song kam Johanna von Koczian 1977 unter die TopTen in der deutschen Hitparade und kommentierte vermutlich relativ treffend das noch immer vorherrschende Rollenbild der Frau – allerdings mit dem spöttischen Unterton der neuen Frauenbewegung. ManN fragt sich, ob die Kernaussage des Texts heute so vollständig überholt ist, wie manN das gerne als emanzipierter, aufgeschlossener Mann hätte. Vermutlich müsste man den Text etwas abändern:

„Mein Schatz ich hab das WC schon geputzt – sagt mein Mann
Noch mehr zu schrubben hätt‘ gar nichts genutzt – sagt mein Mann
Und auch die Wäsche mach ich dann noch irgendwann,
sei doch zufrieden – sagt mein Mann.“

Warum hier die Schlager-Fuzzi-Szene der 1970er ausgebreitet wird? Erstens sind Schlager hochpolitisch und damit zeithistorisch interessant (vgl. „Schlager lügen nicht“ ((Port le roi, André: Schlager lügen nicht. deutscher Schlager und Politik in ihrer Zeit, Essen: Klartext Verl 1998.)) oder die Ausstellung „Melodien für Millionen“ ) und zweitens hat schon der bekannte Parodist Dieter Thomas Kuhn in einem Zeit-Artikel von 2000 ((Hilbk, Merle: Das Ende vom Lied, in: Die Zeit, 11.5.2000, verfügbar unter (30.10.2009). )) treffend festgestellt:

„Die Musik deiner Kindheit – die wirst du nicht mehr los“, sagt Kuhn. „Damit musst du irgendwie umgehen.“

Dem ist nichts hinzufügen. Ausser einem YouTube-Link.

2 Gedanken zu „Das bisschen Haushalt…“

  1. Also gut, den Bezug zur Zeitgeschichte habe ich irgendwie begriffen – was das aber mit Digitalen Medien zu tun haben soll, bleibt mir leider noch verschlossen …

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