Der Fall der Berliner Mauer – ein TV-Ereignis

mauerfalltagesthemen

Wo wir schon das Thema „Fernseh-Archive im Internet“ angeschnitten haben: Viele kennen die eingängige Phrase „the revolution will not be televised“; nur wenige wissen, dass es der ausgefallene Jazzer Gill Scott Heron war, der diese Aussage 1970 in seinem gleichnamigen Song prägte.

Der Satz ging mir durch den Kopf, als ich letzten Montag eher zufällig den (offenbar seit Monaten angekündigten) Spiel-Dokumentarfilm „Schabowskis Zettel“ sah. Gesetzt den Fall, wir gestehen dem Fall der Mauer die Bezeichnung Revolution zu: Inwiefern ist diese Revolution (anders als von Gill Scott Heron behauptet) doch im Fernsehen übertragen, ja sogar vom Fernsehen massgeblich beeinflusst worden? Und: was können wir zu dieser Frage 20 Jahre später im Internet ausfindig machen?

Gill Scott Heron prangerte mit seinem Gedicht, das er Ende der 1960er Jahre schrieb, weniger die Medienlandschaft (die er dennoch genüsslich durch den Kakao zog), sondern eher die Bequemlichkeit jener Mehrheit der Black Community in den USA an, die lieber Fernseh-Serien schaute, statt für ihre Rechte mehr oder minder friedlich protestierend auf die Strasse zu gehen.

Die Situation in der DDR des Jahres 1989 unterschied sich in dieser Hinsicht wesentlich. Die Menschen gingen (trotz Repression der Staatsorgane) auf die Strasse, um für ihre Rechte einzutreten. Eine zentrale Forderung galt dabei dem Recht auf Reisefreiheit. Zehntausende DDR-Bürger/innen hatten das Bröckeln des Eisernen Vorhangs zunächst in Ungarn, dann in der CSSR genutzt, um in den „Westen“ (=BRD) auszureisen und eine neue Existenz zu gründen. Das war ihnen möglich, weil sie in der BRD als deutsche Staatsbürger/innen angesehen wurde und sogleich alle Rechte von BRD-Bürgerinnen erhielten.

Die Frage der Reisefreiheit bewirkte den Fall der Mauer – und damit das Ende der DDR. Denn die DDR-Regierung hatte versucht, mit einer Lockerung der Reisefreiheit den innenpolitischen (und aussenpolitischen) Druck abzubauen und Zeit zu gewinnen, um das System zu reformieren. Doch dieser Versuch wurde so dilettantisch umgesetzt, dass er letztlich das Gegenteil bewirkte und sich zu einem „Moment für die Geschichtsbücher“ wandelte. Dies ist nachzulesen in verschiedenen, zum Teil auch online einsehbaren Darstellungen über den Fall der Mauer (siehe weiter unten).

Das Fernsehen spielte bei den Entwicklungen im Jahr 1989, die zum Mauerfall und dann zum Ende der DDR führten, eine wichtige Rolle: Es berichtete von den unbewilligten und bewilligten Demonstrationen, zeigte dramatische Bilder von den ausreisewilligen Massen, befragte unzufriedene Menschen, zeigte hilflose, steinerne Funktionäre. Allerdings sprechen wir hier nicht vom DDR-eigenen Fernsehen, sondern von den Fernseh-Sender der Systemkonkurrenz aus dem angrenzenden Staat mit gleicher Sprache und Kultur, die praktisch die gesamte Bevölkerung der DDR erreichten und bei dieser eine hohe Akzeptanz und Glaubwürdigkeit besassen.

Die Rolle des Fernsehens als Teil eines Stimmungswandels, der zur friedlichen Revolution und schliesslich zur Auflösung der DDR führte, leuchtet ein, lässt sich 20 Jahre aber nur schwer nachvollziehen. Als Zeitzeuge, der damals in Berlin studierte, bin ich voreingenommen und lege mir womöglich diese Erkenntnis zurecht. Meine Erinnerung an den Fall der Mauer, den ich sozusagen live mitbekam, ist geprägt vom damaligen Erstaunen darüber, dass ich zuhause in meiner Wohnung vielmehr vom „historischen Geschehen“ mitbekam als draussen auf der Strasse, wo das alltägliche Leben seinen gewohnten Gang nahm. Selbst an der Mauer an den Grenzübergängen erschien das Geschehen viel profaner als im Fernsehen, aufgepeppt durch Scheinwerfer, wirkungsvoll zusammen geschnittene Szenen und bedeutungsschwangere Live-Kommentare der Fernsehprofis. Etwas frustriert erkannte ich, dass ich gar nicht „mehr“ vom Mauerfall mitbekam als die Verwandten und Bekannten in der Schweiz, die dieselben Fernsehsender empfingen. Die Authentizität des „Anwesenden“, der beim historischen Ereignis „vor Ort dabei war“, löste sich in den TV-Bildzeilen auf.

Es soll hier nun die Probe aufs Exempel gewagt werden, inwiefern das Internet dazu beitragen kann, diese Frage, wenn nicht zu klären, so doch wenigstens zu beleuchten. Das 20-Jahr-Jubiläum führt zu einer Unmenge an Darstellungen der Ereignisse von 1989; eine solche Darstellung ist der eingangs erwähnte Spiel-Dokumentarfilm „Schabowskis Zettel“ von Florian Huber und Marc Brasse. Der Film ist in der ARD Mediathek zu sehen – bis zum 12. Dezember, dann wird man ihn nur noch käuflich auf DVD erwerben können – und ist ein schönes Beispiel für die Art und Weise, wie das Fernsehen im Jahr 2009 glaubt, Geschichte „lebendig“ machen zu müssen, um sie publikumswirksam zu gestalten. Begleitet wird der Film übrigens von einer Titelgeschichte im aktuellen Spiegel ((in der leider online nicht frei zugänglichen Ausgabe 45/2009. Dafür ist eine Darstellung des Ablaufs der Pressekonferenz mit Schabowski, die in Spiegel-Online im Jahr 2004 erschien, noch zugänglich. Auch die Beiträge des Spiegels aus dem November 1989 sind online verfügbar.)) und einem bereits erschienenen Buch des Autors Florian Huber mit dem Titel „Schabowskis Irrtum“. ((Huber, Florian: Schabowskis Irrtum. Das Drama des 9. November, Berlin: Rowohlt 2009.)) Den Buchtitel „Schabowskis Zettel“ hat bereits Hans Hermann Hertle für seine Darstellung benutzt, die ebenfalls in diesem Jahr erschienen ist. ((Hertle, Hans H: Schabowskis Zettel. Oder der Fall der Berliner Mauer, Berlin: Links, Ch 2009.)) Von Hertle stammt auch die Chronik des Mauerfalls ((auch als Buch: Hertle, Hans-Hermann: Chronik des Mauerfalls. Die dramatischen Ereignisse um den 9. November 1989, Berlin: Ch. Links Verlag 1996.)), die bislang am präzisesten zusammengestellte Darstellung der Ereignisse rund um den 9. November 1989. Der Film ist immerhin auch Anlass, kritisch über die Darstellung der Ereignisse und über die Sicht der Zeitzeugen nachzudenken. Der Artikel von Willi Winkel in der Süddeutschen vom 29. Oktober 2009 stellt die Kernthese von Brasse und Huber in Frage. Die beiden spitzen die Ereignisse nämlich wie folgt zu: Die Mauer fiel, weil ein Journalist bei der Pressekonferenz, als Schabowski die neue Reiseregelung vorstellte, nachhakte: ab wann gilt die Regelung, und Schabowski sich verplapperte: ääh, ich glaube sofort. Winkel meint: Das war es nicht.

Die Wahrheit liegt ganz woanders und sie war für alle zu sehen. Knapp vier Stunden nach Schabowskis Versprecher eröffnet Hanns Joachim Friedrichs die „Tagesthemen“ mit einer glatten Lüge. „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Nichts stand offen, an den Grenzen wurde in bewährter Weise schikanös abgefertigt, aber Friedrichs‘ einprägsames Bild wurde fast augenblicklich Wirklichkeit. Zu den Hunderten, die an den Übergangsstellen in Berlin darauf warteten, dass die überforderten Grenzer sie endlich durchließen, gesellten sich, durch Friedrichs‘ Ansage ermutigt, viele tausend weitere, und dieser Druck erst war es, der die Mauer öffnete.

Mit anderen Worten: The revolution has been televised. Wie gross der unmittelbare Einfluss des Schabowski-Versprechers auf die Öffnung der Mauer war, ist kaum zu verifizieren. Er war im Fernsehen am gleichen Tag vermutlich gar nicht zu sehen, sondern ist erst in späteren Beiträgen und Rückblicken thematisiert und im Bild gezeigt worden. Es steht zu vermuten, dass die „Übersetzung“ und Verstärkung der Aussage Schabowskis durch die Journalisten und die massenmediale Verbreitung, insbesondere durch das Fernsehen, das seine zu den Entwicklungen beigetragen hat.

Ein Vergleich der jeweiligen Ausgaben von „heute“ (um 19 Uhr, siehe unten) und der Tagesthemen (um 22.30 Uhr, siehe unten) dieses Tages stützt auf den ersten Blick die These von Winkler. In „heute“ wird die Meldung von der neuen Reiseregelung irgendwo in der Mitte, aus aktuellem Anlass, mit dem formalistisch-bürokratischen O-Ton von Schabowski, ohne Nachsatz „ähm – sofort“. Von Öffnung der Grenzen oder gar Fall der Mauer ist da noch gar nichts zu hören. Im Gegenteil: die erste Meldung handelt (welche Ironie) davon, dass Innenminister Schäuble die DDR-Bürger/innen auffordert, sich die Ausreise (die damls nur eine endgültige sein konnte) gut zu überlegen.

Selbst noch in den Tagesthemen berichtet der Korrespondent zunächst davon, dass an der Invalidenstrasse noch keine DDR-Bürger/innen über den Grenzübergang nach West-Berlin gekommen seien. Dazu sieht man leere Strassen. Im Verlauf des Beitrags weist er dann darauf hin, bzw. befragt Zeugen, die am Grenzübergang Bornholmer Strasse Leute gesehen und gesprochen haben, die aus dem Ost-Teil der Stadt gekommen seien. An diesem Grenzübergang wurden dann (allerdings erst kurz vor Mitternacht) die Kontrollen eingestellt: Die Grenze war offen, die Mauer gefallen.

heute, 9.11.1989:

Tagesthemen, 9.11.1989:

Bezeichnenderweise sind beide Ausgaben nur auf YouTube zu finden (über die Schwierigkeiten, online Zugang zu Fernseh-Archiven zu finden, habe ich mich wie gesagt bereits geäussert). Sie wirken echt, müssen aber doch als quellenkritisch heikle Arbeitsgrundlagen gesehen werden. ((Auffällig: das Video der Tagesthemen ist erst seit dem 3.11.2009 bei YouTube online, das von der „heute“-Ausgabe seit dem 25.6.2008. An weiteren Videos sind bei YouTube etwa die Tagesschau-Ausgaben im September und Oktober 1989 zu finden: http://www.youtube.com/view_play_list?p=F0A1EC7A0FD4956B))

Auf der von Hertle, dem Deutschland-Radio und der Bundeszentrale für Politische Bildung verantworteten Website zur Chronik der Mauer sind zwar verschiedene Filmausschnitte eingestellt, der Flash-Player versagt aber auf verschiedenen Plattformen und in verschiedenen Browsern. Mir ist jedenfalls nicht gelungen, den Ausschnitt der ARD-Tagesschau oder der Tagesthemen dieses Tages anzusehen. Ergänzend ist dort die teilweise Transkription der Nachrichten des DDR-Fernsehens zu finden, die genau das Gegenteil des Tagesthemen-Betrags bewirken wollen: die Leute dazu aufzufordern, zu Hause zu bleiben.

In den Spätnachrichten der „Aktuellen Kamera“ des DDR-Fernsehens wird ein letzter Versuch gestartet, die Entwicklung zu bremsen: „Auf Anfragen vieler Bürger informieren wir Sie noch einmal über die neue Reiseregelung des Ministerrates. Erstens: Privatreisen können ohne Vorliegen von Voraussetzungen wie Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse beantragt werden. Also: Die Reisen müssen beantragt werden!“

Auch wenn man sich vorstellen kann, dass die Ereignisse in der Nacht auf den 10. November 1989 sich möglicherweise anders entwickelt hätten, wenn die DDR nur die trockenen Anweisungen in der „Aktuellen Kamera“ gesehen hätte, so bleibt es doch müssig, sich zu fragen, ob die Geschichte in diesem Falle einen anderen Lauf genommen hätte. Längst hatten die geostrategische Plattentektonik eine Dynamik entfacht, deren Auswirkungen sich die DDR auf die Dauer nicht hätte entziehen können. Die Entwicklungen wurden durch die Ereignisse des 9. November lediglich dramatisch und symbolträchtig beschleunigt – auch wenn es vermutlich weniger Lapsus eines SED-Funktionärs als die gesteigerte Aufmerksamkeit eines Mediensystems war, das begierig jedes Anzeichen einer sensationellen historischen Regung aufnahm und verstärkte.

Warum liefere ich hier auch noch einen Beitrag zum allgemeinen Jubiläumstaumel des Mauerfalls? Interessant erschien mir die medienspezifische Situation, die das Internet für die Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte bietet: eine Mischung aus persönlichen Erinnerungen, gepaart mit mehr oder minder plausiblen und empirisch erhärteten Interpretationen und (in diesem konkreten Fall) relativ wenig wissenschaftlich basierten Darstellungen und noch weniger Originalquellen (dass die TV-Archiv im Internet wenig hergeben, habe ich hier schon einmal beklagt). ((Ein schönes Beispiel; die Rubrik „EinesTages“ auf SpiegelOnline, wo es auch ein Dossier zum Mauerfall gibt. Diese Rubrik lohnt einen eigenen Blog-Eintrag, dieser wird hoffentlich bald einmal folgen.)) Wer eine wissenschaftlich valide Antwort auf die Frage nach der Rolle des Fernsehens beim Fall der Mauer erarbeiten möchte, wird um den Gang in die Archive nicht herumkommen. Mir ging es hier um das geschichtsdidaktische Potential für die Auseinandersetzung mit dem Mauerfall in der Schule: Was lässt sich hier (mehr im geschichtskulturellen Kontext) aus diesem Fallbeispiel machen? Historisch spannend ist dabei weniger die Frage nach den Fakten („was wirklich geschah“), sondern die nach den Ursachen und Bedingungen: wie und warum ereigneten sich die fragliche Vorkommnisse?

Ein Gedanke zu „Der Fall der Berliner Mauer – ein TV-Ereignis“

  1. Mittlerweile funktionieren die Flash-Dateien auf http://www.chronik-der-mauer.de wieder und damit sind auch ausserhalb von YouTube Fernseh-Dokumente aus der betreffenden Nacht einzusehen (Korrektur der oben stehenden Angabe und zusätzlich zwei Anmerkungen: 1) offenbar stammt der Ausschnitt auf YouTube von der Website „Chronik der Mauer“, denn er hat den gleichen Aussetzer nach 9.23 Minuten und 2) auf der Website sind auch viele Zeitzeugen-Aussagen zu sehen: offensichtlich Ausschnitte aus Interviews und ohne Angabe des Orts und vor allem der Zeit, wann die Aussagen aufgenommen wurden). In der Tat; die ARD-Tagesschau vom 9.11.1989 um 20.15 hob noch darauf ab, dass eine neue Reiseregelung in Kraft trete, die vor allem die ständige Ausreise betraf; dass auch Privatreisen kurzfristig beantragt werden können, wurden auch noch erwähnt. Der Ausschnitt aus der Pressekonferenz zeigt auch hier nicht den „äähm, sofort“ stammelnden Schabowski. Die These, der Mauerfall sei durch das Fernsehen verstärkt oder überhaupt erst möglich geworden, wird mit dieser Quelle jedenfalls nicht widerlegt.

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