Wikipedia: Die erste (und letzte?) Million


Am 28. Dezember 2009 ist der einmillionste Artikel ((Passenderweise ein biografischer Artikel über einen noch lebenden, halbwegs bekannten Wissenschafter in den USA)) in der deutschsprachigen Wikipedia erstellt worden. Dazu gratulieren auch wir der beteiligten Community zunächst einmal ganz herzlich. Das Jubiläum belegt zwar die Vitalität des offenen Enzyklopädie-Mitmach-Projektes, wird aber überschattet von einem seit längerem anhaltenden erbitterten Disput über seine zukünftige Ausgestaltung. Im Kern dreht sich der Streit um die Frage, ob sich die Wikipedia eher an etablierten Enzyklopädien orientieren und die Einträge auf „relevante“ Einträge beschränken, oder eher diese Orientierung aufgeben und grosszügig Einträge zu allen möglichen, zuweilen auch abwegigen Themen zulassen soll. Diese Auseinandersetzung zwischen Exklusionisten und Inklusionisten führt unter anderem zu eben jenen unschönen Konfrontationen, über die hier auch schon berichtet wurde (Stichwort „Admin-Junta„, „Sperrpedia“ und ähnliches, wobei es hier auch um den Umgangston in den Auseinandersetzungen und die Entscheidungsprozesse geht).

Eine bemerkenswerte Randnotiz schien mir der Hinweis aus einer Diskussion über die Zukunft der redaktionellen Richtlinien bei Wikipedia und über die ennervierenden Erfahrungen mit Löschanträgen, dass Artikel in der Regel sehr schnell sehr gründlich überarbeitet werden, wenn sie zur Löschung vorgeschlagen wurden. Artikel in der Liste, die zur Qualitätsverbesserung vorgeschlagen werden, bleiben jedoch fast ausnahmslos unbearbeitet.

Derweil denken einige Informatiker schon an individualisierten Lösungen der Wikipedia weiter (Codename „Levitation„). Demnach bekäme (vereinfacht gesagt) jeder User und jede Userin in einer zukünftigen Wikipedia nur noch jene Einträge angezeigt, die er auch angezeigt haben will. Wie das technisch umgesetzt werden soll, bleibt offen, klar ist jedoch, dass die Entscheidung, was denn nun als vertrauenswürdig in die eigene Auswahl aufgenommen werden soll (wenn ich es recht verstanden habe, so eine Mischung aus „MyWikipedia“ und „Warenkorb“) in der Verantwortung jedes einzelnen Nutzers und jeder einzelnen Nutzerin bleibt. Was letztlich unsere seit langem beobachtete Einschätzung bestätigt, wonach die Nutzer/innen die Qualitätssicherung – gerade auch bei historischen Recherchen – übernehmen müssen.

Bleibt die Frage, ob in einem solcherlei individualisierten Wikipedia überhaupt noch ein Zeitpunkt bestimmt wird werden können, wann der zweimillionste Artikel erstellt wird – oder ob der Zwist zwischen Exklusionisten und Inklusionisten zu einer Spaltung des Projekts führen wird: zu einer professionalisierten Variante, mit mehr Kontrolle und Auswahl, eine Art „Brockhaus Reloaded“, mit erweiterten, aber doch vorhandenen und vermutlich wissenschaftsnäheren, bzw. wissenschaftstauglicheren Auswahlkriterien (ähnliche Ideen – jedoch ohne Möglichkeit der Wikipedia-Spaltung – hat hier Peter Haber kürzlich schon vorgestellt) – und einer Spielwiese, einem „Wissens“-Speicher, in dem einfach alles Platz hat: auch ein Eintrag über mein Haustier und meinen örtlichen Musikverein und anderes – nicht so gut für wissenschaftliche Zwecke zu verwenden, dafür lustiger….

Ein Gedanke zu „Wikipedia: Die erste (und letzte?) Million“

  1. Ich denke, dass gerade der „Wissens“-Speicher, in dem alles Platz hätte, wissenschaftliche Verwendung finden würde. HistorikerInnen, EthnologInnen, SoziologInnen … wären sicher begeistert über so eine großartige Quelle.

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