Docupedia-Zeitgeschichte ist online

Vor zwei Wochen startete das lang erwartete Projekt Docupedia-Zeitgeschichte, ein Online-Nachschlagewerk zur Zeitgeschichte, das hier schon mehrmals Erwähnung gefunden hat. Es befasst sich in seinen Einträgen nach eigenen Angaben mit den „zentralen Begriffen, Konzepten, Forschungsrichtungen und Methoden der zeithistorischen Forschung“ und will die Debatten um die methodischen und theoretischen Grundlagen des Faches dokumentieren.

Dass sich Docupedia als „dynamisches Nachschlagewerk“ versteht, das neuere Entwicklungen kontinuierlich in seine Einträge einfliessen lassen und auch fachliche Diskussionen anregen will, wird dabei auf den ersten Blick zwar (noch) nicht ersichtlich. Noch sind erst knapp drei Dutzend Beiträge freigeschaltet. Diese stehen noch auf Version 1.0 und die Diskussionsseiten sind – gemäss einem ersten summarischen Durchblicks – noch leer, was allerdings so kurz nach dem Start des Projekts nicht weiter verwundern dürfte. So wird das Potenzial (und auch der innovative Kern) dieses Projekts der flüchtigen Leserschaft wohl auf den ersten Blick gar nicht ersichtlich: es handelt sich um nichts weniger als den ambitionierten Versuch, die Prozesse der Texterstellung, die sich im Web 2.0 etabliert haben, mit den fachwissenschaftlichen Ansprüchen bezüglich der Qualität und Zitierfähigkeit von Publikationen zu verbinden. Passend scheint in dieser Hinsicht, dass das gelungene Design der Website gut kaschiert, dass es auf der gleichen technischen Grundlage basiert, nämlich MediaWiki, wie die weitaus populärere, in akademischen Kreisen aber nicht gerade wohlgelittene Online-Enzyklopädie mit der Puzzle-Weltkugel (welche die Designer von Docupedia übrigens mit der schönen Idee freiliegender Scrabble-Steine variiert haben).

Dass Web 2.0 aber nicht nur partizipative Formen bei der Erstellung von Inhalten bedeutet, zeigen die ergänzenden Inhalte in der Randspalte: Hier werden zu jedem Artikel passende Einträge aus dem reichhaltigen Fundus des Clio-Online-Fachportals eingeblendet: Websites, Personen, Institutionen, Rezensionen und Tagungsberichte. Allerdings bleiben die Auswahlkriterien dieser Mashup-Funktionalitäten teilweise schwer nachvollziehbar – die präsentierten Einträge aus den verschiedenen Rubriken wollen nicht immer gleich gut zu den Hauptartikeln passen. Unklar bleibt auch, ob die Inhalte regelmässig mit neueren Beiträgen aus Clio-Online aktualisiert werden – ob also die aggregierten Termine (wo es sinnvoll erscheint) und die empfohlenen Rezensionen (wo es weniger sinnvoll erscheint) zu einem Artikel sich laufend verändern.

Sehr angenehm fällt hingegen auf, dass Herausgeberschaft sowie Autorinnen und Autoren darauf verzichtet haben, ein „besseres“ Wikipedia zu erstellen. Die Beiträge orientieren sich weniger am lexikalischen Stil ausführlicher, aber oft steifer Definitionen, sondern tragen eher den Charakter von erklärenden Handbuchartikeln, die oft auch historische Entwicklungen schildern und die Pluralität bei der Verwendung von Methoden und Begriffen zum Thema machen. Die Beiträge machen dadurch deutlich, was selbst die besseren Beiträge bei Wikipedia oft nicht leisten können: Konzise Zusammenfassungen und Übersichten, die in einem fachwissenschaftlichen Kontext Orientierung verschaffen können. Gerade dadurch könnte Docupedia weniger als Konkurrenz, sondern als notwendige Ergänzung zu Wikipedia wahrgenommen werden, und durch seinen eigenen historiographischen Stil (hierzu gehört auch der Umstand, dass jeder Artikel von einem/einer Autor/in gezeichnet und verantwortet wird) dazu beitragen, Vor- und Nachteile der „freien Enzyklopädie“ klarer zu konturieren und entsprechende Nutzungsprofile zu etablieren.

Das Projekt wurde vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichtswissenschaften und dem Computer- und Medienservice der Humboldt-Universität zu Berlin entwickelt und durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert. Für die Betreuung zeichnet der Verein Clio-online verantwortlich.

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