Ein kleiner Empirie-Überblick zur Internet-Nutzung von Jugendlichen

Anschliessend an die Frage, wie Notebooks von Schüler/innen genutzt werden (mitsamt der Antwort: nicht so, wie sie nach Ansicht von Didaktikern, Pädagogen und Bildungspolitikern sollten) einige Befunde dazu, wie das Internet von Studierenden und Schüler/innen genutzt wird.

Zunächst einmal: es gibt nur ganz wenige Untersuchungen, die sich dafür interessieren (und auch empirisch erforschen) was junge Menschen mit dem Internet im Zusammenhang mit Ihrer Bildungstätigkeit denn so anfangen. Natürlich wissen die Lehrenden viel aus der eigenen Praxis zu berichten: schliesslich haben sie im Unterricht und in den schriftlichen Arbeiten ständig mit den Ergebnissen dieser Internet-Nutzung zu tun. Im Vordergrund stehen dabei aber eher Klagen über unerwünschte Nutzungen: Copy/Paste-Verhalten, Spassorientierte Nutzungen oder Aktivitäten am Rande der Illegalität (Musik oder Filme „saugen“, nicht-jugendfreie Inhalte ausforschen).

Metzger et al. haben (2003, also auch schon vor einigen Jahren) eine Untersuchung zur Internet-Nutzung von College-Studierenden durchgeführt. Sie fragten 356 Studierende mittels Fragebogen danach, wie oft welche Arten von Informationen zu welchem Zweck auf dem Internet genutzt wurden. Sie erfragten auch die Bedeutung des Internets als Mittel der Informationsbeschaffung im Vergleich zu anderen Medien. Dabei war das Buch noch mit leichtem Vorsprung das wichtigste Medium, vor dem Internet. Die Nutzung für Studienzwecke umfasste einerseits die Recherche nach Fachinformationen, galt aber auch administrativ-organisatorische Zwecken wie Kursinformationen überprüfen und Dozierenden via e-mail Fragen stellen. Wenig erstaunlich, dass das Internet noch kaum für die Erarbeitung von Studieninhalten genutzt wurde (und zwar weder im Sinne von Online-Kursen, aber auch nicht in Learn-Management-Systemen oder gar in Wikis).

Ein weiterer Teil der Studie widmet sich der Frage, wie die Studierenden (und eine Kontrollgruppe von nach dem Schneeballprinzip ausgewählten Erwachsenen) die Glaubwürdigkeit der Informationen einschätzen (abhängig vom Medium) und wie oft und nach welchen Kriterien sie die Glaubwürdigkeit überprüfen. Erstaunlicherweise trauten die Studierenden dem Internet bezüglich Glaubwürdigkeit weniger als Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen, nur das Radio stuften sie noch schlechter ein. Umso erstaunlicher, dass eine Reihe von Überprüfungsstrategien nur selten bis gelegentlich (bei einer Skala von „nie“ bis „immer“) angewandt werden. Am häufigsten wird die Aktualität, dann die Vollständigkeit der Information geprüft, gefolgt von der Prüfung, ob es sich um Meinungen oder Fakten handelt. Der Vergleich mit anderen Internet-informatione folgt auf Platz vier, die Einschätzung, mit welchen Absichten der Autor/ die Autorin die Informationen geladen hat, auf Platz fünf. Es folgen: herausfinden, wer der Autor / die Autorin ist; auf einen Hinweis, ob die Website empfohlen ist, achten; überprüfen, ob eine Kontaktadresse zum Autor vorhanden ist; die Glaubwürdigkeit des Autoren überprüfen. – Metzger et al. stellen von sich aus die Fragen, die sich anhand der Resultate aufdrängen: Wenn das Internet als wenig vertrauenswürdig wahrgenommen wird, weshalb werden die Inhalte nicht konsequenter kontrolliert, bzw. auf ihre Glaubwürdigkeit hin?

Die Informationsbeurteilung interessiert auch in der Untersuchung von Zimmermann et al. (2005). Er befragte (mittels Fragebogen) 438 Gymnasiasten/innen aus dem 8. und dem 12. Schuljahrs dazu, wie sie von den Autor/innen bearbeitete und ihnen vorgelegte Inhalte aus dem Internet beurteilten. Die Autor/innen beobachteten die Fähigkeit, das Anspruchsniveau der Texte zu erkennen und die Texte in Bezug auf Parteilichkeit und Glaubwürdigkeit einzuschätzen. Dazu wählten sie ein gemischtes Verfahren schriftlicher Befragung mit geschlossenen und offenen Antwortformaten. Sie kommen zum (wenig überraschenden) Befund, dass die Informationsbeurteilungskompetenz insgesamt nicht sehr gut ausgebildet ist (die Jugendlichen können die Glaubwürdigkeit, die Parteilichkeit und das Anspruchsniveau der vorgelegten Texte nicht ausreichend kompetent beurteilen) und dass diese Kompetenz bei den älteren Schüler/innen besser ausgeprägt ist als bei den jüngeren. – Ich halte diese Erhebung für nicht ganz zu Ende gedacht. Sie ist einerseits nicht sehr praxisnah (die zu beurteilenden Texte sind unter spezifischen Gesichtspunkten ausgewählt und präpariert worden) und andererseits in den Erkenntnissen zu pauschal: Dass die Schüler/innen Mühe haben, die im Internet aufgefundenen Inhalte zu beurteilen, scheint offensichtlich. Aber weshalb stört das Jugendliche nicht? Und wie können Sie Ihre entsprechenden Kompetenzen eben doch beim Älterwerden ergänzen?

Ein anderes Problem habe ich mit der Studie zur Internet-Nutzung von Groner und Dubi (2001): Es ist bislang die einzige Untersuchung, die einen allgemeinen Überblick über die schulische Internet-Nutzung von Jugendlichen bietet. Und doch ist sie in einigen Punkten schon reichlich veraltet. Die Forschergruppe befragte mittels Fragebogen 245 Schüler/innen zwischen 14 und 18 Jahren. Die befragten 14 Klassen kamen aus zehn Schulen in fünf Kantonen (Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern, Graubünden). Dabei wurden vier Themenbereiche untersucht:

  • Nutzungsarten des Internet in Schule und Freizeit
  • Geschlechtsunterschiede bei der Internet-Nutzung
  • Informationssuche im Internet
  • Einstellungen der Schüler/innen gegenüber dem Internet

Schon bei den Nutzungsarten wird der Wandel in den letzten Jahren deutlich. 24% der Schüler/innen hatten zu Hause einen Internet-Anschluss, 48% hatten schon einmal E-Mail genutzt – hier dürften sich die Verhältnisse deutlich verändert haben. Dass das Internet vorwiegend für Unterhaltung genutzt und als weniger glaubwürdig als Bücher eingeschätzt wird, dürfte sich hingegen heute ähnlich darstellen – empirisch belegen kann ich es nicht.

Die Studie kam auch zu klar erkennbaren geschlechtspezifischen Nutzungsarten, wobei die Mädchen eher die Rolle von „passiven Informations-Konsumentinnen“ einnahmen und Knaben ein breiteres Aktivitätsspektrum attestiert wurde. Die Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen, wurde von den Mädchen als wichtiger eingeschätzt als von den Knaben (wobei der Widerspruch zum passiven Informations-Konsum nicht weiter thematisiert wird). Zehn Prozent der Mädchen und 26 Prozent der Knaben bezeichneten sich als Vielnutzer/innen (Internet-Nutzung mehrmals wöchentlich bis täglich) – auch diese Zahl dürfte seither gewachsen sein.

Wie sehr sich das Internet gewandelt hat, wird bei den Ergebnissen zur Internet-Suche deutlich: Die meistgenutzte Suchmaschine war Altavista (82.5%) vor Yahoo (79.1%) – von Google keine Spur. Heute kennen die Jugendlichen Altavista gar nicht mehr. Die Probleme sind wohl prinzipiell die gleichen (Suchbegriffe formulieren, Orientierung, Informationsmenge), obwohl sie vermutlich als weniger problematisch eingestuft werden.

Anders als bei den vorgenannten Studien beurteilten die Schüler/innen das Internet als Informationsquelle eher positiv: es gibt mehr Informationen und sie sind einfacher zu beschaffen als in Büchern. Die Studie fragte allerdings nicht nach der Vertrauenswürdigkeit und Glaubwürdigkeit der im Internet gefundenen Informationen – so bleibt unklar, ob die positive Einschätzung der Schüler/innen sich nur auf die Menge oder auch auf die Qualität der Information bezog.

Wahler et al. (2004) befragten 2002 in den Bundesländern Niedersachsen, Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt insgesamt 2064 Schüler/innen der Jahrgangsstufen 9-12 über ihre Freizeitgestaltung ausserhalb der Schule. Sie wollten die Wechselwirkungen dieser Freizeitbeschäftigungen für das Lernverhalten ermitteln. Dabei wurde auch die Mediennutzung untersucht. Bemerkenswert erscheinen mir zwei Sachverhalte: Vier Prozent gaben an, weder privat noch in der Familie Zugang zu einem Handy zu haben, fünf Prozent hatten keinen Zugang zu einem PC – aber 28 Prozent der befragten Schüler/innen teilten mit, zuhause nicht über einen Zugang zum Internet zu verfügen. Vermutlich hat sich diese Zahl fünf Jahre später verändert, dennoch muss wohl davon ausgegangen werden, dass nicht alle Jugendlichen zuhause einen Zugang zu Internet haben. Die andere interessante Feststellung betraf die geschlechterspezifische Nutzung von Informationstechnologien. Während das Interesse an PC und Internet erwartungsgemäss vor allem bei den Männern ausgeprägt war, so glichen sich beim Mobiltelefon die Nutzungsinteressen der Geschlechter stark an.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Nutzung digitaler Medien im Allgemeinen und des Internets im Besonderen zwar zum selbstverständlichen Alltagsrepertoire der Jugendlichen gehört, dass sie deswegen aber noch keineswegs über reflektiertes Hintergrund- und Kontextwissen über die Herstellungs-, Verbreitungs- und Verarbeitungsbedingungen der Informationen und deren Beurteilung verfügen.

Zudem, und das interessiert mich in meiner Untersuchung, sind die Aneignungsstrategien und die zugrunde liegenden Konzepte von „Information“ und „Internet“ der Jugendlichen kaum bekannt.

Literatur:

  • Groner, Rudolf; Dubi, Miriam (Hg.): Das Internet und die Schule: bisherige Erfahrungen und Perspektiven für die Zukunft, Bern: Huber 2001.
  • Metzger, Miriam J.; Flanagin, Andrew J.; Zwarun, Lara: „College student Web use, perceptions of information credibility, and verification behavior“, in: Computers & Education 41 (2003), S. 271-290. (http://www.comm.ucsb.edu/publications/flanagin/Metzger%20Flanagin%20%20Zwarun%202003%20(CE).pdf [21.5.2007])
  • Wahler, Peter; Tully, Claus J.; Preiss, Christine: Jugendliche in neuen Lernwelten: selbstorganisierte Bildung jenseits institutioneller Qualifizierung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004.
  • Zimmermann, Tobias; Kappes, Viviane; Michel, Paul: „Informationsbeurteilungsfähigkeit – Eine Pilotstudie an Zürcher Gymnasien“, in: MedienPädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 2005, Nr. 2 (http://www.medienpaed.com/05-2/zimmermann_michel05-2.pdf [26.4.2007]).

2 Gedanken zu „Ein kleiner Empirie-Überblick zur Internet-Nutzung von Jugendlichen“

  1. Nur eine kleine Anmerkung: Die Studie von uns, die Sie zitieren, wurde von drei AutorInnen verfasst. Sie zitieren unseren Artikel nur unter „Zimmermann“ und schreiben: „Er befragte…“. Wie bei Groner und Dubi sowie bei Wahler et al. müsste die Vefasserschaft aber im Plural stehen.

    Für eine inhaltliche Replik fehlt mir momentan die Zeit. Nur soviel: Dass unsere Resultate noch etwas pauschal ist, war uns bewusst – handelte es sich doch um eine Pilotstudie, was im Artikel auch dargelegt wird.

    Beste Grüsse
    Tobias Zimmermann

  2. Vielen Dank für die Anmerkung, ich habe den Text entsprechend angepasst. Über eine inhaltliche Replik würde ich mich sehr freuen, allerdings handelt es sich bei dieser Kurzbesprechung erst um eine vorläufige Würdigung nach der ersten Lektüre. Es ging mir nicht um eine Abqualifzierung Ihrer Arbeit, sondern um die Bestimmung meines Interesses an diesem Themenkomplex.

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