Vom Umgangston in der deutschsprachigen Wikipedia

Das grosse Medienecho, das unser Werkstattgespräch Ende Juni in Wien ausgelöst hat, freut mich sehr. Es zeigt, dass auch im Rahmen eines universitären Forschungsseminars wissenschaftlich relevante Arbeit geleistet werden kann.

Weil dies in den Interviews zum Teil etwas zu kurz kam, sei es hier nochmals ausdrücklich betont: Diese Arbeiten wurden nicht von mir, sondern von einem rund 20köpfigen Team geleistet. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wiener Forschungsseminars sei an dieser Stelle ausdrücklich für ihren Einsatz und die angenehme Zusammenarbeit gedankt.

Die PH der Fachhochschule Nordwestschweiz hat es ermöglicht, dass Jan Hodel in das Forschungsprojekt eingebunden werden konnte und am Werkstattgespräch in Wien hat teilnehmen können. Auch dafür ein herzliches Dankeschön, diesmal nach Aarau.

Wenn ich die verschiedenen Reaktionen nun Revue passieren lasse, so stelle ich fest, dass der Skype-Chat, den Ziko van Dijk mit mir für den Wikipedia:Kurier geführt hat, die für mich spannendsten Diskussionen ausgelöst hat.

Zwei Punkte fand ich besonders interessant:

Zum einen gab es eine sehr differenzierte und, wie mir scheint, sehr konstruktive Debatte um die von uns monierte Qualität von historischen Übersichtsartikeln. Dass es Verbesserungspotential gibt, ist unbestritten, dass die Verantwortung, die Wikipedia mit diesen Texten hat, ziemlich gross ist, scheint sich auch langsam herumzusprechen.

Das ist sehr erfreulich und ich hoffe, dass Jan Hodels Dissertation zum Thema Wikipedia in der Schule einige konkrete Anknüpfungspunkte liefern wird, wenn es darum geht, den sinnvollen Einsatz von Wikipedia so früh wie möglich einzuüben.

Denn darum geht es ja im Kern: Wer nutzt Wikipedia in welchen Kontexten, mit welchem Hintergrundwissen und mit welchem Ziel?

Natürlich ist es richtig, dass Wikipedia eine Enzyplopädie und kein Geschichtswerk ist. Aber es wird von vielen, wenn auch nicht von den Historiker/innen, als Geschichtswerk angesehen und entsprechend genutzt.

Das führt unweigerlich dazu, dass sich die Wikipedianer/innen mit der Frage beschäftigen müssen, wie sie mit diesen verschiedenartigen Anspruchshaltungen ihrer Leser/innen umgehen möchten. Ignorieren? Mehrere „Lesepfade“ vorsehen? Bei kritischen Themen irgendwelche Kontrollschlaufen einbauen?

Solange Wikipedia mit anonymen Beiträger/innen arbeitet, werden die Wikipedianer das selbst lösen müssen. Von Seiten der Wissenschaft wird sich kaum Hilfe finden. Dass Problembewusstsein und kritische Ideen vorhanden sind, zeigen aber die Diskussionen rund um den Bericht im Wikipedia-Kurier.

Der zweite Punkt: Ich sagte oder vielmehr schrieb im Interview:

„Ich beobachte einige Diskussionen seit Jahren sehr genau, zum Beispiel zu meinem Dissertationsthema Goldziher. Da vergeht einem jegliche Lust, mitzuarbeiten. Aggressiv bis zuweilen primitiv ist der Umgangston. Und das ist uns auch im Seminar immer wieder aufgefallen, diese Verbissenheit und die Aggression.“

Wer Belege für diese Aussage sucht, möge die Voten nachlesen, die auf der Diskussionsseite des Kurier gepostet wurden. Da wurde sozusagen der gehässige Goldziher-Diskurs 1:1 nochmals nachgezeichnet.

Ein gewisser „Orientalist“ poltert seit Jahr und Tag auf der Diskussionsseite von Goldziher – natürlich anonym – gegen Neulinge. Kritik wird nicht toleriert und wagt einmal jemand, den herrischen Ton von „Ori“, wie er in den Spalten auch genannt wird, zu monieren, heisst es einfach:

„Ich bitte um konkrete Anwort. So bitte nicht. Wenn schon so konkret, dann auch bei der Anwort bitte konkret. Belegen, Namen, Beiträge. Wie erwünscht. Sonst ist es nix. Und Du weißt es.

Nun, guter Stil ist nicht jedermanns Sache. Etwas irritierend aber ein weiterer Einwurf von „Ori“:

wenn ich es richtig verstanden habe, schreibt Haber eine DA über Goldziher. Das Ergebnis würde mich interessieren. Ich setzte voraus, er liest auch Ungarisch. Er wäre somit auch für die WP eine Hilfe.

Lieber Ori, in aller Bescheidenheit: meine Dissertation – das ist ja wohl mit „DA“ gemeint – über Goldziher ist vor vier Jahren erschienen, eine ausführliche Leseprobe findet sich im Netz und freundlicherweise ist das Buch auch in der Literaturliste des Wikipedia-Artikels aufgeführt.

Das ist alles nicht so tragisch, shit happens. Irgendwie aber, lieber Ori, frage ich mich, wie Du dazu kommst, immer den rechthaberischen Faktenhuber zu markieren, wenn Dir doch selber offensichtlich ab und an kleine (und vielleicht auch grössere?) Schnitzer passieren.

Aber eben: Solange „Ori“ und seine Brüder und Schwestern im Geist (oder Stil) in der Wikipedia anonym sich betätigen können, kann man nur jedem abraten, bei der Wikipedia aktiv mitzuwirken. Leider.

P.S.: Den Vogel abgeschossen in Sachen Umgangston hat aber ein gewisser Janka mit folgendem, wohl eher unfreiwillig komischem Einwurf: „Wer niedergeschriebene Grobheiten schlimm findet, hat gegen deren Urheber bereits verloren. Auch das kann man wieder schlimm finden, dann hat man zweimal verloren. Der einzig richtige Umgang damit ist, es zu ignorieren oder zu genießen, wie der Gegner sich abmüht, einen zur Weißglut zu treiben, aber es nicht schafft. Dann hat man gewonnen.“ Braucht es noch mehr Belege?

11 Gedanken zu „Vom Umgangston in der deutschsprachigen Wikipedia“

  1. Das verstehe ich jetzt nicht. Janka hat nur den einzig zielführenden und gesunden Umgang mit anonymen Beleidigungen dargestellt, egal in welchem Medium sie sich abspielen. Was sind denn die Alternativen? Sich beleidigt zu verziehen heißt dem Gegenüber das Schlachtfeld kampflos zu überlassen (was, wenn einem das Schlachtfeld wichtig genug ist, keine Option ist). Mit den gleichen Mitteln zurückzuschlagen heißt, sich auf das Niveau des Gegenübers zu begeben.

  2. Und die dritte Alternative, nämlich den Rechtsweg zu gehen (ob wiki-intern oder wirklich staatlich) bindet m. E. schlichtweg zuviel Kraft aller Beteiligten: das übersteigt das Zeit- und Nervenbudget für ein Hobby doch gewaltig. Ich denke also, Jankas Ratschlag ist pragmatisch und durchaus beherzigenswert. Das heißt natürlich nicht, dass die Strukturen der Wikipedia nicht durch Moderation, Mediation etc. günstiger auch für die Dünnhäutigeren unter uns gemacht werden sollten.

  3. P.S.: Richard Demiray, der in unserem Forschungsprojekt den Eintrag zur Aufklärung untersucht hatte, berichtet, dass der Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia nun grundlegend überarbeitet wurde. Schön!

  4. Also ich habe auch schon an der wiki mit geschrieben, aber an der englischsprachigen Version und der Umgangston dort ist teilweise noch härter. Dennoch finde ich es insgesamt nicht unbedingt eine vergebene Bemühung..Bei 80-90% aller Artikel setzt sich am Ende auch einigermaßen Qualität durch…, wobei es schon stimmt, dass wissenschaftliche Kontroversen zu kurz kommen. Nur in den meisten Lexika ist das ähnlich..und ich würde wiki auch nicht als Geschichtswerk oder Forschungsarbeit ansehen, sondern als Nachschlagwerk, das mir Bücher und Links zu verschiedenen Themen anbietet, in denen ich dann die wirkliche wissenschaftliche Diskussion verfolgen kann..Natürlich finde ich es auch schade, dass man sich manchmal nur mit ‚Deppen‘ rumschlägt und 3 User immer wieder dieselben Artikel als tendenziös angreifen, aber den Prozess zu entdemokratisieren, halte ich auch für falsch…Das ist eben leider auch ein Teil oder eine Komplikation von wiki, dass viele mitschreiben und nicht alle wirklich vom Thema Ahnung haben und ihre Meinung an der ein oder anderen Stelle nur durchsetzen wollen…, ohne das sie Belege liefern können…
    Mir würde aber kein System einfallen, wie man besser steuernd eingreift ohne nicht gleich Zensur auszuüben…
    Dann bräuchte wiki festangestellte, bezahlte wissenschaftliche Mitarbeiter…Wäre aber das dann nicht wieder sehr elitär???

  5. Lieber Herr Haber,

    Als Historiker hätte ich Ihnen etwas mehr Horizont zugetraut. Das macht aber nichts. Sie haben es vergessen, daß die WP vor allem von der Anonymität der User lebt. Nicht jeder hat den bei Ihnen äußerst ausgeprägten Publikums- und Öffentlichkeitsdrang. Betr. Goldziher sind die Diskus entstanden, da einige Glaubensgenossen mit den Auszügen aus dem Tagebuch, welches Ihnen als eine relativ schmalspurige Quelle zu Ihrem Buch dient, nicht einverstanden sein konnten. Hinzu kam auch, daß wir nachweisen konnten, daß zahlreiche, nicht gerade judenfreundliche Passagen ausgerechnet – welch ein Zufall -in der ungarischen Teilübersetzung durch Frau Scheiber nicht aufzufinden sind. Wieder ein Anlaß zu Manipulationen und „edit-wars“. Daher lehne ich den von Ihnen verwendeten Begriff „poltert“ ab.
    Apropos: „shit happens“: wenn Sie das wohl bekannteste Werk Goldzihers mehrfach als „Muhammedanische Schriften“ bezeichnen, dann ist es kein lapsus calami, sondern ein Anlaß für den Leser, bei der Lektüre Ihres Buches Vorsicht walten zu lassen. Eben: shit happens. Den Rest hat ja Larry Conrad treffend beschrieben.

    Gruß
    Orientalist

  6. Zwar ist es ein lapsus calami, weil wenn es einmal falsch in der Datenbank ist, dann ist es halt immer falsch im Text. Aber das macht es nicht besser und ist wirklich bedauerlich. Danke für den Hinweis!

  7. Lieber Herr Haber,

    ich danke Ihnen dafür, daß Sie meinen bescheidenen Beitrag „freigeschaltet“ haben. (Kontrolle ist besser). Natürlich: ein lapsus calami kommt einmal vor. Dies ist bei Ihnen aber nicht der Fall. Man kann es bei L. Conrad ja nachlesen. Datenbank hin und her… Lesen Sie das Buch etwa nicht….?

    Ihre Einschätzung der WP-Diskussionseiten betr. Goldziher und Ihre Kritik sind allerdings, wenn man die Inhalte der „Diskus“ resümiert, grundlos.

    Schade, denn gegenüber der WP hätten Sie als Historiker eine inhaltsbezogene und mehr ausgewogene Position einnehmen können. Es bleibt dennoch die Hoffnung. man lernt nie aus.

    Gruß

    Orientalist

  8. Lieber Herr Haber,
    da haben Sie sich ja einen lästigen Querulanten eingefangen. Wenn es als Exempel dafür gemeint war, sich nicht bei Wikipedia zu engagieren hat es funktioniert.
    Mit besten Grüßen

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