After the Hype has gone – kleine Zwischenbilanz zu eLearning und eResearch


Eigentlich ist dieser Weblog nichts anderes als ein permanentes Ziehen von Zwischenbilanzen über die Auswirkungen des digitalen Medienwandels auf die Praxis der Geschichtswissenschaft in Lehre und Forschung. Hier sei aus gegebenem Anlass (GMW-Konferenz 2010 und infoclio-Tagung zu digitalen Infrastruktur-Angeboten) eine weitere solche vorläufige, sich in den laufenden Diskurs einbringende (und daher viele Erkenntnisse in neuer Ausprägung paraphrasierende) Zwischenbilanz gezogen.

eLearning
An der GMW-Konferenz in Zürich habe ich zwar nicht selber teilgenommen, aber einige der Teilnehmenden haben mir gegenüber angedeutet, dass sich der Erkenntniswert in sehr überschaubaren Rahmen gehalten habe. Insgesamt sei die Stimmung etwas desillusioniert und antriebsarm gewesen. Ich kann nicht viel zu dieser Einschätzung sagen, vermutlich gibt es auch andere Stimmen, die von einem immer noch hochdynamischen Feld „e-Learning“ berichten. Mir scheint aber ein gewisse Ernüchterung im Bereich des e-Learning schon seit geraumer Zeit um sich zu greifen.

Rückblickend (wenn ich es so stark vereinfachen darf) scheint es mir, als hätten die Bemühungen, die digitalen Medien in den Lehrbetrieb der Hochschulen zu integrieren, eher zur (mehr oder minder) effizienten, vor allem aber sehr aufwendigen Studienadministration einer nach betriebswirtschaftlichen Kriterien ausgerichteten Ausbildung beigetragen als innovative und den Zielen optimalen Lernens gewidmeten Lehrformen zu etablieren. Vielleicht, und das werden die nächsten Jahre der Konsolidation zeigen müssen, liegen die Potentiale der IT wirklich vor allem im bürokratisch-organisatorischen und weitaus weniger als bisher erhofft im didaktischen Bereich. Online-Kurse mit Distribution von Skripten, Verteilung von Credits, Ablegen von Online-Prüfungen und Selbst-Evalutionen sind vor allem Hilfsmittel, die Ausbildung (verstanden als kontrollierter Wissenstransfer) an den Bologna-konformen Massenuniversitäten besser organisatorisch zu bewältigen- anregende Einsichten und Aha-Erlebnis oder sogar Bildungsprozesse, die (etwas gross gesprochen) philosophische oder zumindest kognitionspsychologische Dimensionen jenseits des Auswendiglernens erreichen sind (so meine Vermutung) beim intensiven Gespräch einer Arbeitsgruppe im UB-Café wahrscheinlicher als bei jedem noch so elaborierten eLearning-Szenario mit kollaborativen Tools und ausgeklügelten, interaktiven Visualisierungstechniken. Vielleicht hat bei der ganzen e-Learning-Diskussion der letzten Jahre die Technikgläubigkeit uns ein Schnippchen geschlagen. Lernprozesse sind ja primär soziale und psychologische, nicht technische Vorgänge.

Was folgt daraus? Vielleicht wäre es Zeit, wieder Visionen für die Hochschul-Lehre zu entwickeln, die sich weniger an Top-Down-Machbarkeits-Implementation-Verordnen-durch-Fördern-Szenarien orientieren, sondern einerseits sehr persönliche Wunschvorstellungen zukünftigen Arbeitens formulieren oder eher von den Bottom-Up-Prozessen ausgehen, wie sich der digitale Medienwandel im Lebensalltag der Hochschulangehörigen und damit auch im Alltag der Hochschule selbst niederschlägt.

e-Research
Die Bestandesaufnahme der digitalen Forschungs-Infrastrukturen für die Geschichts- und Geisteswissenschaften, wie sie die infoclio.ch-Tagung gestern anstrebte, zeigt für die Forschung ein ähnliches, aber doch anderes Bild. Im Gegensatz zu den Lehrenden und Lernenden haben die Forschenden mehr Entscheidungsfreiheit, mit welchen Hilfsmitteln sie ihre Forschung betreiben. Trotz zahlreichen Versuchen der Vernetzung von Infrastruktur-Einrichtungen, die interessant und wichtig und notwendig sind, prägte sich mir gestern doch der Eindruck der Verzettlung ein: so viele Akteure, die an unterschiedlichen Orten mit verschiedenen Lösungsansätzen versuchen, den Forschenden vorteilhafte und attraktive Zugänge zu Primär- und Meta-Daten sowie zu sozialen Netzwerken zu ermöglichen – da verliert der einzelne Forschende schnell einmal den Überblick. Bemerkenswert erschien mir, dass die Infrastruktur-Projekte auch noch bemüht sind, Mehrwert anzubieten und die Datensammlungen noch mit Werkzeugen auszustatten, die eine Bearbeitung der Daten in der Online-Umgebung ermöglichen. Ob sich das durchsetzen wird, dass die Forschenden jeweils in den Infrastruktur-Umgebungen der Datensammlungen diese Daten bearbeiten oder nicht lieber die Daten in eine je individuelle Arbeitsumgebung importieren möchten – das wäre hier noch die Frage. Generell scheint mir der Knackpunkt die Portabilität der Daten zu sein: wie gut lassen sich die Daten und Meta-Daten (samt der individuell hinzugefügten Bearbeitungen) in verschiedene Arbeitsumgebungen transferieren? Hierzu sind aber Standardisierungen notwendig, die (notgedrungen) zur Zeit der technischen Entwicklung und dem allgemeinen „Ausprobieren“ von technischen Möglichkeiten hinterher hinken.

Mit anderen Worten: so faszinierend die kollaborative Bearbeitung von Digitalisaten in einer Online-Arbeitsumgebung wie das brandneue, am Basler imaging and media lab entwickelte Projekt salsah oder das in Entwicklung befindliche DODIS 2.0 ((hier kann – wegen des Zustands der Entwicklung – nur zur jetzigen 1.0-Version von dodis.ch verlinkt werden)) sind: Wer – ganz konservativ – noch mit Ausdrucken, eMail und Word-Dokumenten arbeitet, ist noch nicht gänzlich von der Welt der Forschung abgekoppelt und kann einigermassen gelassen abwarten (aber daher auch neugierig erproben), wie die Bemühungen zur Integration der verschiedenen Datenbestände und Infrastruktur-Tools sich in den nächsten Jahren entwickeln – sollte aber auch die Zwischenergebnisse und Projekte neugierig verfolgen und erproben.

Ein Gedanke zu „After the Hype has gone – kleine Zwischenbilanz zu eLearning und eResearch“

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