Ein Tweet ist ein Tweet ist ein Tweet

Nehmen wir einmal an, «schnapsnase» wäre nicht einfach ein Witzbold, sondern er wäre – zum Beispiel – eine exponierte Figur einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt. Und nehmen wir weiter an, wir könnten sicher sein, dass der Beitrag «echt», also tatsächlich von der exponierten Figur der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt verfasst worden wäre.

Was wäre ein solcher Tweet? Ein ironischer Beitrag zur «Überfremdungs»-Debatte in der Schweiz? Ein Skandalon mit anschliessendem Karriereknick für die besagte exponierte Figur? Oder einfach ein Ausloten der Möglichkeiten, die Twitter im öffentlichen Diskurs bietet?

Der Eintrag ist Fake und «schnapsnase» twittert nicht. Sehr wohl aber twittert Udo Reiter, seines Zeichens Intendant des (öffentlich-rechtlichen) Mitteldeutschen Rundfunks (der eigentlich in Ost- und nicht in Mitteldeutschland angesiedelt ist, denn Leipzig liegt seit 1945 nicht mehr wirklich in der Reichsmitte, aber das ist ein anderes Thema). Und er schrieb vor einigen Tagen, als Reaktion auf die Rede des deutschen Bundespräsidenten Wulff anlässlich des deutschen Einheitstages. Darin hatte Wullf die nicht wirklich revolutionäre Ansicht vertreten, dass inzwischen neben Christen- und Judentum auch der Islam zu Deutschland gehöre.

«schnapsnase» alias Udo Reiter wurde nun aufgefordert, sich zu erklären:

Worst case: der Account ist echt, der Tweet ist echt, und der Inhalt ist auch so gemeint, wie er da steht. Dann frage ich mich, welcher Teufel den Intendanten eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders reitet, die Islamfeindlichkeit und Überfremdungsangst in Deutschland zu schüren. Und bitte um Aufklärung und ggf. Ablösung.

Wir fragen uns, ob hier nicht ein kleines medientheoretischespraktisches Missverständnis vorliegt: Zu den Charakteristika des Twitterns gehört es, spielerisch mit Text und Textsorten umgehen zu können, das volatile des Geschriebenen auszureizen und die dynamischen Kontexte digitaler Settings zu durchbrechen.

Ein Tweet von Udo Reiter ist keine Medienmitteilung des MDR und auch nicht geeignet, um dekontextualisiert gegen den Autor eingesetzt zu werden.

Zum Thema passend: ein kluger Essay zum Thema Twitter von Sabria David in brand eins.

Ein Gedanke zu „Ein Tweet ist ein Tweet ist ein Tweet“

  1. Da muss ich jetzt dringend widersprechen. Was aus diesem Tweet spricht, ist kein „medienpraktisches Missverständnis“ und kein spielerischer Umgang mit Text und Textsorten, sondern da spricht schlicht und einfach eine Islamfeindschaft der übelsten Sorte. Das geht sogar noch über die Sarrazinen hinaus und ist auf PI-Niveau. Unreflektierte Parolen, nicht mehr in der Realität verankert und das zeugt von einem ganz tief sitzenden Feindbild. Im Prinzip sagt er damit, dass die Türken wieder vor Wien stehen und uns alle vernichten wollen.
    Wenn sowas ein Intendant eines öffentlich-rechtlichen Senders verbreitet, dann ist das extrem kritisch. Eben weil so einer dann Indentant eines Massenmediums ist. Drehen wir das ganze einfach mal um und setzen statt dem Feindbild Islam dort ein Feindbild Judentum ein. Und jetzt stell dir einfach mal vor, wie die Reaktionen ausgesehen hätten, wenn er folgendes getwittert hätte:
    „Einheitstag 2030: Bundespräsident Chaim Goldblum ruft die Juden dazu auf, die Rechte der deutschen Minderheit zu wahren“.

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