Speichern, um zu vergessen

Gestern habe ich wieder mein Mobiltelephon aufgeräumt. Ich habe einige Hundert SMS – nein, nicht gelöscht! – sondern abgespeichert. Damit gehör ich gewiss zu einer winzigen Minderheit von Zeitgenossen. Wer archiviert schon seine eigenen (und die erhaltenen) SMS? Ein klarer Fall einer déformation professionelle, keine Frage.

Dabei gingen mir aber einige Fagen durch den Kopf: Von den rund 1500 Mitteilungen, die sich auf meinem Telephon angesammelt haben, sind geschätzte drei Viertel völlig belanglos. Terminfindungen und dergleichen. Vom übrigen Viertel wiederum ist das meiste interessant, aber auch nicht wirklich wert, für die Nachwelt aufgehoben zu werden. Und dann bleiben höchstens eine Handvoll Textschnipselchen, die ich gerne aufbewahren möchte. So, wie ich auch einige Fetzen Papier aus meiner Kindheit und meiner Schulzeit noch irgendwo in einer Schuhschachtel habe.

Selbstverständlich hätte ich diese paar Kurzmeldungen heraussuchen und abspeichern und den Rest löschen können. Hätte ich tun können, aber habe ich nicht getan. Das war mir natürlich viel zu umständlich. Ich habe also die «Nokia PC Suite» beauftragt, den ganzen Ordner abzuspeichern. Das war viel einfacher, hat rund fünf Sekunden gedauert und belegt nun ca. 120 KB Speicherplatz für die erhaltenen und nochmals 120 KB für die geschriebenen Meldungen. Damit habe ich die wenigen relevanten SMS natürlich de facto «entsorgt», denn ich werde niemals alle Meldungen durchforsten, um die wichtige (vermeintlich wichtige) Nachricht zu suchen, die ich vielleicht irgendwann einmal nochmals lesen möchte. Und ich werde mir auch nie und nimmer die Mühe machen, irgendwelche Dialoge, die ich im Jahre 2010 per SMS geführt habe, zu rekonstruieren.

Und trotzdem habe ich das Gefühl, einen Teil meines Alltages nicht verloren zu haben mit dieser Aktion gestern. Welch ein Blödsinn, natürlich, ich weiss. Mir ist damit gestern im Kleinen genau das passiert, was wir zur Zeit im Grossen überall beobachten können: Dass wir uns vom Phantasma des Alles-Speichern-Könnens blenden lassen. Dass wir nicht bereit sind loszulassen von der Flut von Daten. Dass wir, um es ganz simpel zu formulieren, nicht bereit sind, uns auf die Kunst des Vergessens einzulassen.

Der emeritierte Althistoriker Christian Meier hat unlängst in einem schönen Essay das «Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns» thematisiert. In einem Parforceritt durch die Geschichte beschreibt er den «öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit» (so der Untertitel) und kommt zum Schluss, dass «Erinnerungskultur» ein äusserst fragwürdiger Begriff sei (S. 78). Auch wenn vieles von dem, was Meier auf rund 100 Seiten zu Papier bringt, nicht wirklich neu ist, liegt das Verdienst des schmalen Bändchens darin, dass Meier auf die für Nationen identitätsstiftende Funktion von Erinnerung hinweist und dies kritisch in Frage stellt. Ohne explizit auf die neuen Medialitäten des Erinnerns und des Erinnerungsdiskurses im digitalen Zeitalter einzugehen, steht Meiers Essay im Kontext des medialen Wandels unserer Zeit.

Was das mit meinen SMS zu tun hat? Dass ich vermute, dass wir, nachdem nun das Thema «Erinnern» in den Kulturwissenschaften langsam wieder am Verschwinden ist, wir uns bald einmal – und diesmal medientheoretisch fundierter – mit dem mindestens gleich spannenden Thema des Vergessens befassen werden. In der Geschichtswissenschaft ebenso wie in den uns nahestehenden Disziplinen.

Als Einstieg sei – wie so oft – ein Text des grossen, 2009 verstorbenen Historikers Yosef Chaim Yerushalmi empfohlen: «Über das Vergessen», deutsch erschienen im Essayband «Ein Feld in Anatot. Versuche über jüdische Geschichte» (Berlin 1993).

3 Gedanken zu „Speichern, um zu vergessen“

  1. Wie schön es ist, sich erinnern zu können, merkt Mensch erst, wenn sein Erinnerungsvermögen nachläst und er Definzite bemerkt. Ich schreibe wenige sms. Das ist mir zu kurz. Und ich brauche definitiv keine meiner sms, die ich immer, wenn ich Lust dazu habe in den Papierkorb werfe. Genauso wie Notizzettel.

    Es gibt zwei (nein Drei) Arten für mich, sich etwas zu merken.

    1. Mein Gedächtnis
    2. Meine Notizbücher (Kalender) in denen in Kurzform Termine stehen
    3. Mein Blog, wo ich täglich meine Zeichnung blogge und meine Gedanken zur Kunst und zu dem wo ich bin, was ich lese, was ich sehe

    Damit bin ich ausgelastet. Es ist wichtig, sich nicht mit unnötigen Gedankenmüll zu belasten.!

    Gruß Susanne

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