Audiovisuelle Medien als Forschungsgegenstand und historische Quelle

Vorgestern Freitag und gestern Samstag fand in Zürich das diesjährige Memoriav-Kolloquium statt, dessen (aus der Sicht der Geschichtswissenschaft) etwas verwirrend scheinender Titel deutlich machen sollte, dass auch andere Disziplinen sich mit dem audiovisuellen Kulturgut befassen, um deren Erhalt sich Memoriav bemüht.

Das Kolloquium bot denn auch einen bunten Strauss an Projekten und theoretischen Erwägungen, die das Kulturgut „Audiovisuelles Medium“ zum Gegenstand ihres Interesses machten. Leider liess diese weit gefasste Anlage der Tagung den roten Faden etwas vermissen: Worum ging es noch einmal? Ok, um audiovisuelle Medien, als Quelle – oder als Forschungsgegenstand. Das gilt zumindest für den Freitag, den Samstag konnte ich leider nicht mitnehmen.

Stark der Anfang mit Thomas Lindenberger: Er analysierte jedoch eher den Kontext audiovisueller Medien in einer kulturgeschichtlichen Betrachtung der 1950er Jahre, als sich der Rock’n’Roll als Subkultur im geteilten Deutschland etablierte und sehr unterschiedliches Echo in den Medien fand. Eher asketisch fand ich, die Erkenntnisse und Überlegungen über Wirkung audiovisueller Medien ohne ein Bild oder Ton darzubieten.

Stark auch der Auftritt von Dominik Schnetzer, der Überlegungen zum Bild als Quelle aus seiner frisch publizierten Dissertation vorstellte: Eine spannende Abhandlung über die Abbildungen von Bergen und die theoretisch-methodischen Wege, diese Abbildungen zu deuten.

Die im Anschluss vorgestellte Mediendatenbank der Künste (MAdeK) der Zürcher Hochschule der Künste schlug den Bogen zu jenen Interessen, audiovisuelle Medien zum Forschungsgegenstand zu machen, die nicht historische begründet sind: in der Mediendatenbank sollen aus laufenden Forschungsprojekten audiovisuelle Materialien gesammelt und mit unterschiedlichsten Metadaten versehen und dadurch miteinander verknüpft werden. Nicht umwerfend neu als Idee, aber schön anzusehen. Die Vorstellung schlug auch einen Bogen zur „Poster“-session, die aus einer Reihe von iMacs bestand, auf welchen man Einblicke in verschiedenen Medienarchive erhalten konnte: Das Bildarchiv der Basler Mission21, die (nicht öffentlich zugängliche) Videodatenbank Faro des Schweizer Fernsehens, das Schweizer Fotografie-Archiv-Portal foto-ch.ch, das Datenarchiv Bild und Ton des Schweizerischen Sozialarchivs sowie die AV-Datenbank des Oral-History-Projekts Humem.

Am Nachmittag berichtete der Filmwissenschaftler Adrian Gerber von einem kürzlichen Fund von seltenen Kinoplakaten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gedruckt worden sind. Sein Plädoyer, dass Filmgeschichte nicht nur Filmkunstgeschichte, sondern auch Filmsozialgeschichte und Filmwirtschaftsgeschichte sein soll, wirkt aus der Sicht des Geschichtswissenschaftler nicht so sensationell – sinnvoll aber allemal.

Bei der Präsentation von Daniela Zetti zur Selbstinszenierung und Selbstwahrnehmung des Fernsehens in spezifischen Fernsehformaten erstaunt einerseits der gestelzte Duktus des Gesprächs aus den 1970er Jahren, an dem – natürlich – nur Männer teilnehmen, andererseits gibt auch die Anekdote zu denken, wonach Zetti erst umständlich mittels Anfrage im Archiv des Schweizer Fernsehens und der Delegation eines Hilfsassistenten zur Visionierung ausgewählter Beiträge eine DVD mit einer Aufzeichnung einer Diskussionssendung beschaffen muss, nur um dann festzustellen, dass die Sendung integral auch online im Internet abgerufen werden kann.

Da stellt sich mir die Frage, warum die Zugänglichkeit der audiovisuellen Archive eigentlich nicht thematisiert wird – das ist doch gerade unter dem Aspekt der Nutzung zu Forschungszwecken relevant. So wird mir erst in einem Pausengespräch wieder bewusst, das beispielsweise die Schweizer Nationalphonothek ihre Bestände über besondere Abhörplätze (speziell konfigurierte PCs) in verschiedenen öffentlichen Institutionen in der Schweiz zugänglich macht und somit ein ähnliches Vorgehen wählt wie die fränzösische INA mit den Fernseh-Aufzeichnungen, aber doch anders, als etwa das Schweizer Fernsehen, das grosse Teile seines Archivs frei im Internet zugänglich macht, nicht aber die Datenbank und somit keine Recherchemöglichkeit bietet.

Den Abschluss machen Fred Truniger und Thomas Schärer mit einem wirklich interdisziplinären Projekt, das sich vornimmt, Schweizer Experimental-Filme der letzten 50 Jahre aufzuspüren, zu inventarisieren und zu restaurieren. Das ist spannend, weil hier aufscheint, dass Quellen erst „hergestellt“ werden müssen und der anspruchsvolle Vorgang der „Archivierung“ deutlich zu Tage tritt. Es reicht eben in der Regel nicht, Filme in einer Schuhschachtel aufzubewahren, um sie später als „Quellen“ nutzen zu können. Aber das führt hier in Dimensionen, die in diesem kurzen Bericht nicht weiter ausgelotet werden können – und auch am Workshop an diesem Freitag nicht in einer allgemeineren Form zur Diskussion gestellt wurden.

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