Geschichtslernen mit Wikis (und Wikipedia)

Im letzten Sommersemester haben Peter Haber und ich je eine Veranstaltung durchgeführt, die sich mit Wikipedia (und teilweise auch mit Wikis) befasst haben. Aus diesem Anlass gab es ein öffentliches Werkstatt-Gespräch, zu dem sich gerade (mit etwas historischer Distanz) auch noch der Hamburger Geschichtsdidaktiker Andreas Körber in einem Kommentar vernehmen liess. Im Folgenden möchte ich meine Erkenntnisse aus der Lehrveranstaltung „Geschichte lernen mit Wikis und Wikipedia“ zusammenfassen.

Bei diesem Kurs handelte es sich um ein Forschungsatelier, also um eine vorbereitende Lehrveranstaltung im Hinblick auf die Anfertigung einer Diplomarbeit. Aus diesem Grund war nur ein Teil der Veranstaltung dem Phänomen Wikipedia und seiner Beurteilung aus geschichtsdidaktischer Sicht gewidmet. Eigentlich ging es darum (so unglaublich es klingen mag), die Studierenden einmal vertieft mit der Funktionsweise von Wikipedia vertraut zu machen. Denn alle Studierenden hatten Wikipedia zuvor lediglich als Nachschlagewerk genutzt und die jeweils aktuelle Version eines Artikels gelesen.

Wikipedia analysieren

Für die Auseinandersetzung mit Wikipedia bat ich die Studierenden, ausgewählte Artikel selbst zu bearbeiten oder zu erstellen. Die Auswahl stellte ich den Studierenden frei, Wikipedia-Einträge zu historischen Themen (im engeren Sinne) wurden dabei keine ausgewählt. Im Verlauf des Kurses beobachtete ich bei der Auseinandersetzung der Studierenden mit Wikipedia folgende Phasen:

  • Entdecken: in einer ersten Phase warfen die Studierenden einen Blick hinter die Kulissen und entdeckten die zugrunde liegenden Mechanismen: wie werden Artikel verfasst, Versionen archiviert, diskutiert, gesperrt, verhandelt; wie können Nachforschungen über Verfasser und Kommentatoren angestellt werden und so weiter.
  • Enthusiasmus: Bei einigen Studierenden folgte eine Phase der Begeisterung, die zu intensiver Mitarbeit bei bestehenden Artikeln und Erstellung neuer Einträge, oder auch zum Aufspüren von Entscheidungsstrukturen und Diskussionszusammenhängen führte.
  • Empörung: Denn in einigen Fällen war die Mitarbeit keineswegs so problemlos, wie der Mythos des Mitmach-Lexikons es erscheinen lässt. Der Artikel zur Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz wurde kurz nach seiner Erstellung bereits zur Löschug vorgeschlagen. In anderen Fällen wurde auf Anfragen und Hinweise nicht reagiert oder kommentarlos wieder die ursprüngliche Fassung wiederhergestellt.
  • Erstaunen: Bei der Beobachtung der verschiedenen Artikel über einen längeren Zeitraum wandelten sich Begeisterung und Verärgerung in ein Erstaunen. Sie staunten darüber, wie schwierig es zuweilen sein konnte, gewisse Einträge zu ändern oder zu etablieren – oder wie einfach. Dies war abhängig vom behandelten Thema und davon, wie viele aktive Wikipedianer/innen sich für das Thema oder für einen speziellen Artikel oder besondere Teile eines Artikels interessierten.
  • Ernüchterung: Schliesslich stellte sich ein Gefühl der Ernüchterung ein, etwas durchmischt mit Verunsicherung. Die Studierenden kamen zum Schluss, dass in Wikipedia reichlich viel von der heterogen zusammengewürfelten Schar der aktiven Mitwirkenden abhängt: ob gestritten, gestrichen oder geschlichtet – oder auch einfach gar nichts gemacht wird.

Wikipedia und Geschichtsdidaktik

Die eben geschilderte Auseinandersetzung mit Wikipedia hat noch nicht sehr viel mit Geschichte oder Geschichtsdidaktik zu tun. Erst bei der Konkretisierung der Diplomarbeiten kamen bei jenen Projekten, die sich mit Wikipedia befassen wollten, Gesichtspunkte zum Tragen, die als spezifisch geschichtsdidaktisch oder politikdidaktisch bezeichnet werden können. Das eine Diplomprojekt untersucht den Zusammenhang zwischen Wikis und narrativer Kompetenz, bzw. die Eigenheiten, die das gemeinschaftliche Erstellen von Texten im Bereich Geschichte auszeichnen, und versucht dies in Verbindung mit der Nutzung von Wikipedia zu bringen. Das andere Projekt fokussiert auf die Diskussions-Seite der Wikipedia-Artikel und interessiert sich für mögliche Verwendungen im Geschichtsunterricht (was als Unterrichtsprinzip geschichtsdidaktisch unter Multiperspektivität oder politikdidaktisch unter Kontroversität gefasst werden kann). Beide Projekte untersuchen Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe 1.

Arbeiten in Wikis

Die Lehrveranstaltung wurde unterstützt und begleitet mit einem Bereich im hochschuleigenen Wiki. Die Kursorganisation und die Arbeitsaufgaben wurden darin abgewickelt. Dabei zeigte sich, dass ein erfolgreicher Einsatz in Wikis nur dann gewährleistet ist, wenn die Beteiligten gewillt sind, genügend Zeit (in der Regel gleich viel oder mehr als bei individuell verfassten Texten) zu investieren, und wenn die Vorgaben und Rahmenbedingungen klar sind. Dies erscheint zwar logisch, steht aber im Kontrast zu der vielen Wiki-Projekten zugrunde liegenden Annahme, dass sich bei einem offenen Wiki ohne Weiteres ganz viele Leute einfinden, die ihren kleinen Beitrag leisten, und daraus wie von selbst umfangreiche Inhalte entstehen.

6 Gedanken zu „Geschichtslernen mit Wikis (und Wikipedia)“

  1. Ich habe mich selbst sehr in Ihrer Beschreibung wiedergefunden. Diese Phasen von Enthusiasmus bis Ernüchterung habe ich selbst durchmachen müssen. In meinem Fachgebiet – der Hämatologie/Onkologie – kommt neben persönlichen Eitelkeiten der Wiki-Autoren (warum befindet sich nur jeder in medizinischen Themen gleich kompetent?) häufig stark finanziell und/oder interessengesteuerter Lobbyismus hinzu, was es teilweise unerträglich macht, inhaltlich konstruktiv zu arbeiten.
    Am schlimmsten finde ich aber die in meinen Augen falsch verstandene neutrale Sichtweise (NPOV) – wenn sich zwei Meinungen diametral gegenüberstehen, dann liegt die Wahrheit nicht immer in der Mitte; sondern manchmal hat auch Einer komplett recht und der Andere liegt komplett falsch. Hier kann, darf und soll ein Wikipedia-Artikel Stellung beziehen, ohne den NPOV zu verletzen.
    Herzliche Grüße, DocMario

  2. Interessant, dass a) Mediziner unseren Weblog lesen und b) auch in diesem Fachbereich sich das Problem der „Professions-Legitimität“ (= „Wozu habe ich eigentlich jahrelang studiert, wenn jeder dahergelaufene Amateur meinen Eintrag löschen kann…?“) zu stellen scheint.

  3. Ich würde mich sehr für die Diplomarbeiten und diesen Artikel interessieren – sie wären mir eine große Hilfe als Ressource bei unserem Versuch des sinnvollen Einsatzes einer Wiki im Rahmen von eLib.

    Beste Grüße,

    Gernot

  4. zum Eintrag von DocMario:
    „NPOV“ ist in der Tat ein Problem, und zwar auf einer noch etwas grundsätzlicheren Ebene, als Sie andeuten: Nicht nur, dass in der Tat einmal einer „völlig Recht“ haben kann und ein anderer völlig falsch liegen kann, sondern — und das ist im Bereich der Geschichte fundamental — weil es keine Möglichkeit gibt, auch nur eine Ansicht „neutral“ zu prüfen. Jede Darstellung von Geschichte ist perspektivisch, immer sind mehrere möglich, immer sind sowohl bei den Quellen die verschiedenen Positionen, Sichtweisen etc. der Zeitgenossen wie auf der Ebene der späteren Verarbeitungen die sich je ändernden Fragen, Interessen, Denkweisen etc. der Historiker zu berücksichtigen. Daraus folgt, dass auch zwei nicht deckungsgleiche Darstellungen beide Recht haben können.
    Die Frage, die sich dann einer historischen Kommunikation stellt, ist nicht, ob man beide Perspektiven zu einer integrieren kann (das würde ihre Perspektivität verleugnen), sondern ob (mit Rüsen gesprochen) eine Perspektivenerweiterung möglich ist, die die andere Perspektive aufgreift und anerkennt, ohne mit ihr zu verschmelzen.
    Hier interessiert dann die Frage, ob und wie es gelingt, beim kollaborativen Schreiben Formen zu finden und gemeinsam einzuhalten, in denen nicht der Fiktion einer einzigen wahren Perspektive gehuldigt wird, sondern in denen Deutungs- und Wertungsunterschiede „aufgehoben“, aber nicht eliminiert werden.
    NPOV ist eine gut gemeinte, aber theoretisch nicht überzeugende Form dieser Fiktion.
    Das Gegenteil, eindeutige Parteilichkeit, wäre aber ebenfalls dann problematisch, wenn sie verdeckt wird. Es geht also (wieder einmal) um die Etablierung einer Kultur, sich kritikfähig zu machen.

    A.Körber

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