Jimmy Wales erhält den Gottlieb Duttweiler-Preis 2011

Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales erhielt heute in Rüschlikon bei Zürich den mit 100’000 Franken dotierten, renommierten Gottlieb Duttweiler-Preis. Dass Wales einer der ganz grossen Visionäre des Web 2.0 war, ist unbestritten und wir freuen uns, dass ihm, ziemlich genau zehn Jahre nach der aufschaltung der ersten Wikipedia-Seite, nun diese Ehre zuteil geworden ist. Er reiht sich damit ein in die illustre Reihe von Kofi Annan, Joschka Fischer, Vaclav Havel, Roger Schawinski und anderen. Wir einnern uns: Anlässlich der Preisverleihung an Havel 1990 hielt Friedrich Dürrenmatt seine letzte Rede und beschrieb kurz vor seinem Tod die Schweiz damals als Gefängnis. Und sorgte für einen veritablen Skandal.

Heute ging es wesentlich ruhiger zu in der Laudatio: Roger de Weck, neuer Generaldirektor der SRG SSR (ex: idée suisse) und wohl einer der brillantesten Publizisten in diesem Land, lobte die Pionierleistung von Jimmy Wales und zog historische Vergleiche, die allerdings nicht wirklich über alle Zweifel erhaben waren. Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert hatten zwar aufklärerische Absichten verfolgt mit ihrer Encyclopédie – doch zugleich wurde das Projekt zum grössten Spekulationsobjekt der Mediengeschichte, wie Robert Darnton in seinem wunderschönen Büchlein «Glänzende Geschäfte» beschrieben hat.

Überhaupt waren heute Abend alle Zweifel und Skepsis ausgeblendet, der man in Wissenschaft, Medien und Bildungswesen begegnet, wenn man das Thema Wikipedia anschneidet. Das mag in der Logik einer solchen Veranstaltung liegen und ist auch gut so. Etwas seltsam fand ich dann schon, wie alle Redner die Zuverlässigkeit und Nützlichkeit für uns hier in den Vodergrund stellten – nur Jimmy Wales auf diesen Punkt gar nicht einging, sondern in seiner lockeren und sehr packenden Dankesrede genau das ansprach, was eigentlich Wikipedia ausmacht, hier aber niemanden wirklich zu interessieren scheint: Die Bedeutung von Wikipedia als soziale Bewegung und – das vor allem – die immense Bedeutung eines Projektes wie Wikipedia in den sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern.

Es fällt schwer, den globalen Charakter der Wikipedia zu begreifen, wenn man die Scharmützel der deutschen Wikipedia-Szene verfolgt, aber es gibt ganz offenbar einen globalen Wikipedianismus jenseits der deutschen Diskussionsunkultur (ich weiss, nun gibt es wieder eine Runde Haber-Bashing der üblichen Kreise, aber ich stehe dazu!). Genau mit dieser Schwerpunktsetzung – die so auffallend abwich von den Lobesreden der Veranstalter – bewies Wales, dass er wirklich eine Vision verfolgt, die es sehr wohl rechtfertigt, dass er sich heute in die illustre Reihe der Gottlieb Duttweiler-Preisträger einreihen durfte.

Wir gratulieren Jimmy Wales und der Wikipedia-Bewegung zu dieser schönen Auszeichnung!

P.S.: Die Kollegen drüben bei DRS haben heute Vormittag ein langes Interview mit Wales geführt, das integral im Netz zu hören ist.

2 Gedanken zu „Jimmy Wales erhält den Gottlieb Duttweiler-Preis 2011“

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