Wikipedia: zitieren oder nicht zitieren?

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Klaus Graf hat heute auf Inetbib ein sehr gutes Argumentarium verschickt, das ich gerne hier aufnehmen möchte:

(i) Jede Quelle ist „zitierfaehig“. Wenn ich etwas als „Quelle“ heranziehe, muss ich sie nennen.

(ii) Alles kann als „Quelle“ dienen. In einem Referat „Die duemmsten Irrtuemer der Wikipedia“ zitiert man selbstverstaendlich die Wikipedia als Quelle.

(iii) Bietet ein allgemeines Nachschlagewerk eine besonders gelungene oder griffige Definition, so ist es Usus, diese als woertliches Zitat anzufuehren. Bei der Wikipedia hat es sich nicht anders zu verhalten.

(iv) Es gibt hunderte wissenschaftlich zitierfaehige Artikel, die auf dem Niveau eines spezialisierten Nachschlagewerks (nicht: Allgemeinenzyklopädie) sind, das selbstverstaendlich im wissenschaftlichen Diskurs zitiert wird (Lexikon des Mittelalters, Enzyklopädie der Neuzeit usw.).

(v) Vor jedem Zitat hat eine kritische Inhaltspruefung zu erfolgen. Die Wikipedia ist als Online-Quelle genauso zitierfaehig oder nicht zitierfaehig wie die gedruckte „Zwischen Amper und Würm: Heimatbeilage für den Landkreis Starnberg und das Würmtal“.

(vi) In verschiedenen Disziplinen und Kontexten gibt es schon hinsichtlich traditioneller Publikationen unterschiedliche Ansichten darueber, was „zitierfaehig“ist.

Unproblematisch scheinen mir die Punkte (i) und (ii) zu sein – zumindest in der neueren Geschichtswissenschaft ist die Fixierung auf bestimmte Quellengattungen aufgeweicht zu sein. Und dass man zitiert, worauf man sich stützt, ist selbstverständlich.

Interessant wird es meiner Meinung nach bei den Punkten (iii), (iv) und (v) . Hier schreibt Graf zu recht, dass es eine „eine besonders gelungene oder griffige Definition“ sein soll, wenn aus einem Nachschlagewerk zitiert werden soll. Grundsätzlich bin ich mit Graf in diesem Punkt vollkommen einverstanden.

Unsicher bin ich aber, wo es darum geht, dass eine Bewertungskompetenz vorausgesetzt wird: Wie kann ein/e Geschichtsstudierende/r in den ersten Semestern feststellen, ob eine Definition, die ihm oder ihr zwar gelungen und griffig erscheint, dies auch in den Augen der Fachwelt ist. Da sehe ich im Moment das Problem mit Wikipedia in den Wissenschaften.

Ein sinnvoller Einsatz von Wikipedia zum Beispiel in Seminararbeiten scheint mir nur dann möglich, wenn der Umgang mit (einigermassen) gesicherten Informationsquellen eingeübt wurde. Ohne die Kenntnis des wissenschaftliche Status quo in Sachen Qualitätsanforderungen ist es kaum möglich, festzustellen, welche Teile von Wikipedia gelungen und griffig sind. Ich kann mir zumindest kein mediendidaktisches Konzept vorstellen, das in der Lage wäre, diese Kompetenzen zu vermitteln.

Zum Punkt (vi) ist anzumerken, dass dies natürlich stimmt und ich mich frage, ob es sinnvoll und realistisch ist, die allgemeine Diskussion, was zitierfähig ist und was nicht, ausgerechnet mit Wikipedia neu anstossen zu wollen. Da das Phänomen Wikipedia stark überkomplex ist, laufen wir Gefahr, einige Fragestellungen gleichsam zu „verschenken“.

Meine Position: Zitate aus Wikipedia sind grundsätzlich erläuterungsbedürftig, d. h. wenn jemand Wikipedia zitieren möchte, muss er/sie eine Begründung mitliefern, weshalb an dieser Stelle diese Quelle (und keine andere) verwendet wird. So lässt sich meiner Ansicht nach auch mit dem Problem umgehen, dass Wikipedia-Texte in der Regel anonym sind:

Sehr häufig sind anonyme Quellen per se nicht verwendbar, da eine Kontextualisierung der Informationen von vornherein unmöglich ist. Werden Wikipedia-Texte zitiert, muss also meiner Meinung nach expliziert werden, wieso an dieser Stelle auch eine anonyme Quelle verwendet werden kann (natürlich gibt es unzählige Fälle, wo das geht, aber diese Zusammenhänge sollten beim Verfassen eines Textes bewusst gemacht werden).

P.S.: Die oben abgebildeten Fussnoten stammen aus einer medienwissenschaftlichen (Ober-) Seminararbeit, die ich letztes Semester erhalten habe.

10 Gedanken zu „Wikipedia: zitieren oder nicht zitieren?“

  1. Die Begründung warum eine bestimmte Quelle (On- oder Offline) genutzt wurde, sollte grundsätzlich erfolgen, hilft die dem Leser doch zu verstehen welche Position der Argumentierende einnimmt bzw. von welchem Irrlich er sich hat verleiten lassen. Das anonyme Quellen häufig per se nicht verwendbar sein sollen, wage ich zu bezweifeln, eine großer Teil der Philologie und Literaturwissenschaft stützt sich auf anonyme Quellen. Vielmehr sollte im Vordergrund stehen, das Quellenarbeit auch Quellenprüfung bedeutet. Für meinen Geschmack wird allzusehr auf eine grundlegende Infragestellung der Wikipedia hinausgedacht. Fragen, ob Geschichtsstudenten der ersten Semester (oder auch höherer?) überhaupt das nötige Rüstzeug mitbekommen um Quellen entsprechend ihrer Qualität oder Treue bewerten zu können oder ob diese Studenten überhaupt grundlegende Fähigkeiten vermittelt bekommen mit Offline-Medien genausogut arbeiten zu können, sollten meines Erachtens eher im Raum stehen. Ich kann mich Herrn Graf nur anschließen.

    Letztlich ist die Wikipedia nur ein Kind unserer Zeit und wie bei allen Kindern sollte man mit Geduld, einem wachsamen Auge und Akzeptanz herangehen.

  2. Sehr geehrte Katina,

    Natürlich ist Wikipedia keine wissenschaftliche Quelle, das steht ja wohl auch gar nicht zur Debatte. Zumindest kenne ich niemanden, der/die auf die Idee käme, so etwas Abstruses zu behaupten. Wenn überhaupt, dann kann es ja nur um die Frage gehen, ob man Wikipedia in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren kann oder nicht.

    Ich finde: grundsätzlich nein, weil in einer wissenschaftlichen Arbeit wissenschaftliche Quellen zitiert werden sollten. Aber es gibt unendlich viele Gründe, um in einer wissenschaftlichen Arbeit eine nicht wissenschaftliche Quellen zu zitieren. Dann sollte man das aber deklarieren und/oder erklären. Normalerweise ist das auch kein Problem und man macht das sowieso.

    Bei Wikipedia scheint das immer wieder in Vergessenheit zu geraten, weil Wikipedia so tut, wie wenn sie eine wissenschaftliche Quelle wäre. Was natürlich Augenwischerei ist.

    Der Umstand, dass Wikipedia keine wissenschaftlich valide Quelle ist, schmälert aber – das sei hier nochmals klar und deutlich gesagt – nicht den Wert von Wikipedia. Man muss nur wissen, was man mit Wikipedia machen kann – und was nicht. Auf jeden Fall lassen sich Birnen und Birnenkompott schlecht miteinander vergleichen.

    Schöne Grüsse

    PH

  3. @ Peter Haber: ich kenne einige Studis, deren Umgang mit Quellen derart unreflektiert ist, dass sie Wikipedia für ebenso fraglos zitierfähig halten wie Klassiker von der Literaturliste. Allerdings sehe ich den Grund des Problems nicht darin, „weil Wikipedia so tut, wie wenn sie eine wissenschaftliche Quelle wäre“. Wikipedia tut nichts, sie ist. Problematisch finde ich, dass an der UNI häufig nur sehr wage erläutert wird, wie man mit Quellen umzugehen hat. Und das ist kein Fehler der Studis.

  4. Pingback: einfach-orange.de

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