Ein iPhone vor der Zeit – und andere historische Anmerkungen

watchman 1924Was einem bei einem Umzug nicht so alles in die Finger gerät. Ich fand Siegfried Zielinskis Audiovisionen ((Zielinski, Siegfried: Audiovisionen. Kino und Fernsehen als Zwischenspiele in der Geschichte, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1989)) aus dem Jahr 1989 (damals stand die Mauer noch) und darin zwei interessante Dinge. Zum einen obige Illustration (Vollansicht), die Zielinski wie folgt umschrieb:

Das Projekt des Watchman […] beitet seinen Benutzer auch den kurzfristigen und an beliebigen Orten vollziehbaren visuellen Einstieg in Erlebniswelten an, die mit der tatsächlichen Umwelterfahrung kollidieren, sie ergänzen, kommentieren oder sogar in keinerlei Beziehung mit ihr stehen. (S. 227)

Das spannende ist nicht der historische Verweis auf das (ebenfalls uralt wirkende) Artefakt namens Watchman (was haben wir in den 80er Jahren darüber gelacht… Filme kucken auf einem handtellergrossen Bildschirm; haha, das will doch keiner!!!), sondern der Telephonoskop, das Ernst Krafft bereits 1924 ((Krafft, Ernst: Fliegen und Funken. [Ein Buch von Technik, Tat und Traum], Berlin: Dietz 1924)) ersann. Der Begriff des Telephonoskop ist hingegen noch älter, der französische Autor Albert Robida prägte den Begriff bereits 1869, allerdings nicht als portables Gerät. Kehren wir aber zu Zielinski zurück und gönnen wir uns noch ein zweites, sehr aktuell anmutendes Zitat:

Mit dem im Binärcode aufgelösten filmischen Material wäre der audiovisuelle Diskurs der Entspannung schliesslich verbindbar mit den integrierten digitalen Datennetzen für die Büros, Handels- und Dienstleistungsunternehmen, Universitäten oder den individuellen Datenstationen in den privaten Haushalten. Das Fiktionale wäre verknüpfbar mit dem Faktischen des Arbeitsalltags: „Rambo“, „Heimat“, „Dallas“ oder „Der Himmel über Berlin“ aufgelöst in Zahlenreihen aus Nullen und Einsen wie die Bankanweisung, das Entlassungsschreiben, die Finanzkalkulation oder der architektonische Entwurf […] Dies bedeutete die Verschmelzung von Arbeits- und Restzeit am Artefakt des multifunktionalen Monitors. (S. 222).

Wie wahr. Nur dass dies heute weniger als apokalyptische Warnung vor einer „brave new media world“ sondern eher als Marketingtext eines Unterhaltungselektronik-Konzerns erscheint. Abgesehen von den altertümlich wirkenden Vokabeln der Prä-Web- und Prä-Handy-Ära wie „digitale Datennetze“ oder „individuelle Datenstationen“. Wie lange ist es her?

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