Net Generation und was sie mit Geschichtswissenschaften zu tun hat

Virtual Student

Die Nicht-Frage von Kollega Haber zum Eintrag „Digital Secondos – No Net Generation„, was das mit Geschichtswissenschaften zu tun habe, mündete in die konkrete Frage, ob Rolf Schulmeister in seiner Publikation „Gibt es eine Net Generation?“ zu den Auswirkungen auf die Hochschullehre Aussagen gemacht habe. Ja, hat er, bzw. haben einzelne Studien und Arbeiten, die er rezipiert ((nur zwei Nennungen: 1. Palloff, Rena M./Pratt, Keith: Virtual Student. A Pro?le an Guide to Working with Online Learners. Jossey-Bass. San Francisco 2003. – 2. Kennedy, Gregor E./Judd, Terry S./Churchward, Anna/Gray, Kathleen/Krause, Kerri-Lee: First year students‘ experiences with technology: Are they really digital natives? In: Australian Journal of Educational Technology 2008, 24(1), S. 108-122.)). Dazu noch einige kurze Bemerkungen.

Das Internet kombiniert Digitalisierung von Informationen und Vernetzung von digitalen Eingabe und Sichtgeräten dergestalt, dass daraus ein immenser, schwach und a priori unvollständig strukturierter, zugleich stark fragmentierter Informationsraum entsteht. Darin wird die individuelle Medienkompetenz zum Messgrösse für eine erfolgreiche Wissenschaftskommunikation. Wer erfolgreich mit den digitalen Medien hantieren kann, ist für die zukünftigen Entwicklungen der Wissenschaften gewappnet. Daher ist die Diskussion um die Eigenschaften der Net Generation auch für die Wissenschaft (selbst für die Geschichtswissenschaft) von Relevanz. Im Begriff der Net Generation schwingt ja unterschwellig immer die Drohung mit, dass die Digital Natives entweder die altmodischen Digital Immigrants oder „Prae-Digitals“ hinwegspülen werden mit ihren spezifischen Kompetenzen, mit digitalen Medien umzugehen, und/oder dass sie völlig neue mediale Praktiken in die Geschichtswissenschaften hineintragen und diese umgestalten werden.

Marc Prensky, um starke Formulierungen nicht verlegen, sagt es so (und meint dabei zwar in erster Linie Schüler, die Aussagen lassen sich aber auch auf Studierende beziehen) :

Our students have changed radically. Today’s students are no longer the people our educational system was designed to teach.(…) ((Prensky, Marc: „Digital Natives, Digital Immigrants“, in: On the Horizon 9 (2001) Nr. 5., S. 1; verfügbar unter http://www.marcprensky.com/ writing/Prensky%20-%20Digital%20 Natives,%20Digital%20Immigrants%20-%20Part1.pdf)) Our Digital Immigrant instructors, who speak an outdated language (that of the pre-digital age), are struggling to teach a population that speaks an entirely new language. (…) ((Prensky, a.a.0, S. 2))
We need to invent Digital Native methodologies for all subjects, at all levels, using our students to guide us. (…) So if Digital Immigrant educators really want to reach Digital Natives – i.e. all their students – they will have to change. ((Prensky, a.a.0, S. 6))

Hier drängen sich zwei Fragen auf.

  1. Wie gross wird die Bedeutung digitaler Medien, und folglich der Kompetenz, diese zu bedienen, in der Geschichtswissenschaften der Zukunft tatsächlich sein. Das verhandeln wir hier in diesem Weblog.
  2. Wie ausgeprägt sind denn die Kompetenzen der Digital Natives, dass sich die Geschichtswissenschaften der Zukunft (bzw. ihre Protagonisten, oder ihre Stakeholder) sich hier „vorbereiten“, „anpassen“ oder „wehren“ müssten?

Schulmeister fasst die der Net Generation unterstellten Lern-Eigenschaften bei der Besprechung des Titels von Oblinger/Oblinger ((Oblinger, Diana G./Oblinger, James L.: Is It Age or IT: First Steps Toward Understanding the Net Generation. In: Oblinger, Diana G./Oblinger, James L. (Eds): Educating the Net Generation. E-ducause 2005. Verfügbar unter: [http://www.educause.edu/educatingthenetgen/]. )) zusammen, nimmt aber auch Aussagen der anderen von ihm besprochenen Autoren (darunter auch Marc Prensky) auf. Die verschiedenen Autor/innen behaupten, dass die Net Generation

  • sehr viel stärker visuell orientiert sei
  • das Multitasking beherrsche
  • es vorziehe, etwas zu tun statt etwas gesagt zu bekommen
  • eine überraschende Offenheit gegenüber Minoritäten zeige
  • es vorziehe in Teams zu lernen
  • sehr leistungsorientiert sei
  • das Entdeckende Lernen präferiere und Interaktivität liebe. (S. 24)

Schulmeister zweifelt sowohl an den Eigenschaften (die bislang nirgends belegt oder kaum mit dem Aufwachsen mit digitalen Medien in einen ursächlichen Zusammenhang gebracht werden können) als auch vor allem an der Homogenität der Net Generation.

Die daraus abgeleiteten Forderungen an Anpassungen beim Unterricht betreffen besonders und im hohen Masse im Hochschul-Bereich, wo sich neoliberale „Jeder unterrichtet sich selbst von zu Hause aus“-Vorstellungen mit sozialromantischen „Die Studierenden organisieren kollaborativ ihre Studiengänge selbst dank Web 2.0“-Ideen treffen. Allerdings sind die „Digital Natives“, wie Schulmeister treffend anmerkt, noch gar nicht im studierfähigen Alter. Geht man davon aus, dass ab fünf Jahren die Medienumwelt aktiv begriffen wird und ab 1996 die digitalen Medien in einer Weise präsent waren, dass sie den Alltag geprägt haben, dann wären die Digital Natives jetzt etwa 17 Jahre alt. ((Schulmeister geht von 1997 aus (S. 41), es könnte auch 1995 oder 1998 sein)) Folglich wird gleichsam doppelt projiziert: zunächst die Eigenschaften der Net Kids, dann die entsprechenden Ansprüche und Fähigkeiten, die sie an die Universität mitbringen werden.

Wenn man sich nun überlegt, was denn da auf die Hochschulen zukommt, und damit auch auf die Geschichtswissenschaften, sind in der Tat die verschiedenen Ausprägungen des Medienhandelns, die verschiedenen Mediennutzungstypen mit ihren spezifischen Kompetenzen durchaus interessant – und auch relevant für die Geschichtswissenschaft. Dazu verweise ich gerne auf die von Klaus Peter Treumann et al. veröffentliche Studie, die unterschiedliche Mediennutzungstypen bezeichnet (siehe separaten Blog-Eintrag).

Zuletzt noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Ich arbeite zur Zeit an einem Dissertationsprojekt unter dem Arbeitstitel Geschichte 2.0, das sich um das Geschichtslernen von Gymnasiasten im Zeitalter der digitalen Medien dreht. Daher interessiert mich als Historiker und als Geschichtsdidaktiker (beides geschichtswissenschaftliche Tätigkeiten) wie Jugendliche mit Medien umgehen. Dies ist zugegebenermassen für die Geschichtswissenschaft nur von mittelbarer Bedeutung, die eben „vermittelt“ werden muss, was ich hoffe hiermit getan zu haben. Daher auch der Tag „Geschichte 2.0“, der auf Einträge im Zusammenhang mit meinem Dissertationsvorhaben verweist.

Ein Gedanke zu „Net Generation und was sie mit Geschichtswissenschaften zu tun hat“

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