HOK Lesen: Virtuelle Ego-Massage

Das Phänomen ist ja durchaus bekannt, dass sich Internet-Abhängige (Internet Addicts) nicht nur Informationen über andere Leute er-„googeln“ sondern auch sich selbst der regelmässigen Relevanz-Überprüfung unterziehen. Nun gibt es einen Dienst, der einem diese lästige Arbeit abnimmt und auch noch gleich Punkte verteilt. Schick, wenn am Ende der Ego-Tacho einem die Internet-Wichtigkeit gleich veranschaulicht. Mit meinen 3617 Punkten (Stand 30.1.2006, das Logo unten sollte die jeweils aktualisiert Punktestand anzeigen, so verspricht es jedenfalls der Prospekt) bin ich allerdings ziemlich am unteren Ende. Allerdings: Bill Gates hat auch nur 6723 Punkte… (Steve Jobs übrigens 6744…).

Nix als Spielerei? Interessant ist ja die Analyse, wie die Punktzahlen zustande kommen. Das Tool wurde entwickelt um die Verlinkungen von Blogs zu analysieren. Funktioniert aber auch mit normalen Websites.Update: Ich bemerke grade eben, dass die Ego-Punkte auf dem Zähler immer dann absinken, wenn keine Suche auf der Ego-Surf-Website vorgenommen werden. Oder in den Worten der Website-Betreiber:

Egopoints now biodegrade. They have an atomic half-life.

HOK Schreiben: Soziale Beziehungen beim Kollaborativen Schreiben

Angesichts der zentralen Bedeutung, die Lunsford und Ede in ihrer Untersuchung über das kollaborative Schreiben den Machtverhältnissen und Hierarchien in den gemeinsam schreibenden Gruppen beimessen, wird das Potential von Wiki, oder genauer von Wikipedia deutlich.

Lunsford und Ede stellten fest, dass bei den von ihnen untersuchten kollaborativen Schreibprozessen die Machtkonstellationen unterschiedlich mit der tatsächlichen Schreibbeteiligung und der schliesslichen Kennzeichnung der Autorschaft korrelierten. Sie stellten einerseits zwei Typen der Kollaboration fest: einen hierarchischen (Der Chef strukturiert, die Unterstellten schreiben, der Chef entscheidet) und einen kollegialen (alle Beteiligten entwickeln gleichberechtigt den gemeinsamen Text).
Allerdings müsse der hierarchische Typus keineswegs immer in der (aus der Sicht der kritischen Theorie naheliegenden) ausbeuterischer Form vorliegen. Der hierarchische Modus könne auch mit geteilter Macht und Autorschaft sehr effizient zu Prozessen und schliesslich Ergebnissen führen, die für alle Beteiligten sehr zufriedenstellend seien (S. 134).

Auch bestehe kein zwingender Zusammenhang zwischen Macht und Einfluss bei der Textgestaltung und Autorschaft beim Endprodukt. Es gäbe hier verschiedene Mischformen.

Entscheidend scheint mir folgende Feststellung von Lunsford und Ede in Bezug auf das von ihnen untersuchte Sample, das vor allem aus männlichen, angelsächsischen Weissen aus Wissenschaft, Privatunternehmen und Verwaltung bestand: „The fact that collaborative writing is so readily accepted in this world may be connected to this world’s homogeneity. What, we wonder, will result when such a context changes, when the professional work scene is populated much more by women and people of color?“ (S. 138)

Auch wenn die Frage offen bleiben muss, warum zu Ende der 1980er Jahre diese Durchmischung in den USA offenbar noch nicht stattgefunden hat (oder haben soll) – interessant bleibt der Aspekt der Homogenität. Er bezieht sich auch darauf, dass die Beteiligten an kollaborativen Prozessen sich gegenseitig bekannt sind. Das heisst, es herrschen soziale Beziehungen, eventuell auch Machtgefälle zwischen den Beteiligten, die sich in den Arbeitsprozessen abbilden können. (Anmerkung: Lunsford und Ede untersuchten konventionelle Formen des kollaborativen Schreibens, ohne Unterstützung durch neue Informationstechnologien wie das Internet).

In dieser Hinsicht bietet Wikipedia eine interessante Alternative an. Hier können einander Unbekannte gemeinsam an einem Text arbeiten. Die sozialen Beziehungen zueinander werden erst im Verlaufe der Arbeit bestimmt. Dass dieser Prozess relativ unklar ist, bzw. sich zumindest nicht an etablierten Strukturen ausrichtet, sondern im Prinzip einen egalitären Ansatz verfolgt (die Schülergruppe von 15-jährigen ist genauso teilnahmeberechtigt wie gestandene Professorinnen und Professoren) trägt auch zur Verunsicherung bei, welche die Scientific Community beim Experiment Wikipedia beschleicht.

Dies ist eine soziale Konstruktion, keine technische. Denn Wikis können auch zur Erarbeitung von Texten dienen, an denen Personen beteiligt sind, die sich bekannt sind und deren Beziehung zueinander geklärt ist. Der Einfluss der Technik auf die Zusammenarbeit dürfte vergleichsweise klein sein und sich vor allem auf Effizienzsteigerung und Flexibilität beziehen.

Selbst die Aufzeichnung von Veränderungen gegenüber früheren Versionen mit Verweis auf die Autorschaft, die die Veränderung verantwortet, sowie die Archivierung aller früheren Versionen ist an sich nicht neues. Viele kennen diese Hilfsmittel vom verteilten Arbeiten mit Word-Dokumenten. Doch dass diese Aufzeichungen dem Wiki-System derart zugrunde liegen, dass das Wikipedia-Projekt mit dem Prinzip der Accountability überhaupt starten und sich entwickeln konnte, ist eine wichtige Differenzierung gegenüber früheren technischen Lösungen von Kollaborationshilfsmitteln, die entscheidenden Einfluss auf die Art der Kollaboration hat.

Literatur:
Ede, Lisa, Lunsford, Andrea: Singular texts/plural authors. Perspectives on collaborative writing, Carbondale: Southern Illinois University Press 1992

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HOK Schreiben

Das „Schreiben“ ist im Gegensatz zum „Lesen“ jener Teil der Historischen Online-Kompetenz, die bei der Auseinandersetzung um die Rolle der Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Geschichtswissenschaften noch wenig Beachtung gefunden hat. Die erstaunt umso mehr als das „Schreiben der Geschichte“ ein zentrales konstituierendes Element der Geschichtswissenschaft ist und die Debatte über ihre Ausrichtung und Ausgestaltung seit zwei Jahrhunderten die Geschichtswissenschaften immer wieder beschäftigt. Zu beachten ist dabei auch der Grenzbereich „Lesen/Schreiben„, der ebenfalls einigen Einfluss auf die Überlegungen zur Kompetenz-Dimension des „Schreibens“ hat (Letztes Update 22.8.2006).

HOK Schreiben: Blog = Microcontent

Bei der Suche nach Ansätzen, Blogs für e-Learning einzusetzen, stiess ich auf den Begriff „Microcontent“. Der Begriff bezeichnet die einzelnen Blog-Einträge, was mir einleuchtend und auch aussagekräftig erscheint. Microcontent erfüllt idealtypisch die Voraussetzungen des Hypertexts auf kleine, in sich geschlossene Informationseinheiten, die modular beliebig miteinander kombiniert werden können.
Auch das Verfassen von Blog-Einträgen in vorliegendem Blog macht mir dies deutlich: die Hemmschwelle zur Publikation ist geringer, da der Kontext nicht a priori schon entwickelt sein muss. Die Zusammenhänge der Microcontents können auch nachträglich durch Verlinkung erstellt werden (wenn das überhaupt erwünscht ist). Sonst muss sich der Leser, die Leserin eben selber die Zusammenhänge erstellen, ganz in Sinne eines „schreibenden Lesens“, der Konstruktion von Sinn aus non-linearen Texten.

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HOK: Lesen/Schreiben: Einstieg

Dass sich Online-Kompetenz mit Lesen und Schreiben befasst, ist angesichts der Tatsache, dass mit der Hypertext-Technologie eine neue Textgattung postuliert wird, naheliegend. Das „Wreading“ macht die Unterscheidung zwischen Lesen und Schreiben immer schwieriger, diese ist aber dennoch nötig: Gerade in der Geschichtswissenschaft ist der Prozess des Schreibens (eben die „Geschichtsschreibung“) von grosser Bedeutung. Neben dem HOK Lesen und HOK Schreiben daher hier eine Sammlung von Blog-Einträgen zu HOK Lesen/Schreiben (neueste Einträge zuerst – letztes Update: 1.12.2006):

HOK: Lesen/Schreiben: Non-Linearität und Konstruktion

Eckhard Schumacher wirft in seinem Aufsatz die Frage auf, inwiefern der Anspruch der Hypertext-Apologeten Jay David Bolter und George P. Landow wirklich zutrifft, dass Hypertext die Theorien von Textualität von Jacques Derrida oder Roland Barthes abbilde. Diese haben bereits in den sechziger Jahren Textformen gefordert, die nicht mehr als geschlossene Textkörper den Leser, bzw. die Leserin zu einem passiven Konsum zwingen, sondern durch ein „Brechen“ des Textzusammenhangs dem Leser eine gestaltende Rolle zuweisen.

Bolter und Landow postulierten, dass genau diese Forderung durch die Hypertext-Technologie erfüllt würden. Landow bezeichnet die virtuellen Texte, die durch das Verfolgen der Hyperlinks einen jeweils individuellen Textablauf konstruieren, als Resultat des „wreading“, also einer Mischung aus „write“ und „read“. Doch die technische Möglichkeit der nicht-linearen Darstellung von Texten führt noch nicht automatisch zu Texten, die dem Leser eine andere Rolle einzunehmen ermöglichen.

Schumacher hält den Hypertext-Theoretikern einerseits vor, dass sie Hypertext als Ende einer Entwicklung zu offenen Textformaten bezeichnen. Hypertext ist sozusagen der absolute Text. Derrida wollte mit seiner Unterscheidung von (herkömmlichen) „lesbaren“ und (neu zu erfindenden) „schreibbaren“ Texten aber genau diese Abgeschlossenheit von Textverständnis aufbrechen. Das Rezipieren von Texten sollte ein offener Prozess bleiben.

Denn gerade die Realität von Hypertext zeigt die Grenzen dieser Technologie (in ihrer Umsetzung) auf: Viele Hypertexte sind herkömmliche Texte, die einfach anders angeordnet wurden. Und vor allem: Der Autor oder die Autorin verfügt mit den Links noch immer über eine Steuerungsmöglichkeit, wie der Hypertext rezipiert wird. Es findet eine Auswahl der Inhalte durch den Autor statt, wenngleich nicht über die Sequenzierung beim Lesen.

Zwei Erkenntnisse von Schumacher:

  • Zur Non-Linearität gehört ein Element der Unvorhersehbarkeit („programmed unpredictability“), die neue und überraschende Lesevorgänge ermöglicht.
  • Hypertext müssen nicht auf Computer beschränkt sein. Auch gedruckte Hypertexte sind denkbar, wenn sie die Idee der Non-Linearität konsequent umsetzen.

Dies hat auch Auswirkungen darauf, wie in der Geschichtswissenschaften Texte gelesen und geschrieben werden und wie die immer wieder postulierte Selbssteuerung in Lernprozessen realisiert werden kann.

Literatur:
Schumacher, Eckhard: „Hyper/Text/Theorie: Die Bestimmung der Lesbarkeit“, in: Andriopoulos, Stefan, et al. (Hg.): Die Adresse des Mediums, Köln: Du Mont 2001, S. 121-135.

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HOK: Fallstudie: „Rendezvous mit dem Tod“ – Fazit

Die kleine Fallstudie (die mich doch einiges an Zeit gekostet hat) zeigte meines Erachtens folgendes:

  • Die Rolle der etablierten Medien (auch in Online-Versionen) als Meinungsführer und Ort der Debatten ist noch immer bedeutend,
  • Blogs begnügen sich (in diesem Fall) zumeist im Verweisen auf und Kommentieren von Nachrichten oder Ereignissen, wobei darunter auch interessante Beobachtungen zu finden sind,
  • Wikipedia hat die Fakten in angemessener Weise (nämlich mit Verweis auf den Kontext der Informationen), umfassend und schnell in die einschlägigen Artikel aufgenommen. Eine Diskussion über die Aussage des Films wurde jedoch nur angedeutet.

Der Film selber hat mich enttäuscht, ich fand ihn weder formal noch inhaltlich wirklich überzeugend. Die filmische Aufarbeitung des Falles hat eher Fragen aufgeworfen als sie beantwortet. Solange wichtige Quellen (in diesem Falle besonders die kubanischen Geheimdienstunterlagen) nicht zugänglich sind, muss mit Vermutungen und Plausibilitäten vorgegangen werden. Und ob man glauben will, dass Castro sich zu diesem Zeitpunkt wirklich zu solch einem Husarenstreich entschied, hängt davon ab, was man persönlich von diesem Mensch hält.

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Aus der Welt der Wikis: Nie mehr Nihils?

Ein zufälliger Fund (Serendipity…) in der letzten Sonntagszeitung zu sogenannten Nihil-Artikeln in Lexika (auch als U-Boote bekannt) bringt einen weiteren Aspekt des „Wiki Way of Publishing“ zum Vorschein.
Nihil-Artikel sind erfundene Artikel, die von der Redaktion in Nachschlagewerke eingefügt werden. Beispiele dafür sind der Eintrag zur Steinlaus im klinischen Wörterbuch Pschyrembel, die vom deutschen Humoristen Loriot erfunden wurde, oder der Artikel über den antiken Vorläufer des Fussballs Apopudobalia, der im „Neuen Pauly“ Aufnahme gefunden hat.
Zweck dieser erfundenen Wahrheiten sei die bessere Kontrolle darüber, ob aus den Nachschlagewerken abgeschrieben werde. Sie scheinen den Fachautoren aber auch Spass zu machen.

Und was hat das mit Wikis zu tun? Nun, bei Wikipedia wird jeder Eintrag von zahlreichen voneinander unabhängigen Lesern und Leserinnen kontrolliert. Es gibt da keine geschlossene Gruppe, die Artikel redigiert und publiziert und sich darüber verständigen könnte, welche Falschinformationen in das Gesamtwerk eingeschleust werden. Bei Wikipedia gilt das Prinzip, dass alle mitmachen können: ein egalitäres Prinzip des kollaborativen Zusammenwirkens von einander Unbekannten. Da haben Nihil-Artikel keine Chance – oder?

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Aus der Welt der Wikis: Zensur

Nicht nur bei Blogs, auch bei Wikis kann es zur Zensur kommen. Konkret geht es um Wikipedia, das von den chinesischen Behörden (gleichsam ein „usual suspect“, die auch schon bei Blogs als Zensor aufgetreten sind) in Teilen für den Zugriff aus dem chinesischen Netz gesperrt wurde.

Wikipedia ist aber auch in Deutschland zu einem zeitweiligen Verstummen gezwungen worden. Dort war es eine einstweilig Verfügung der Eltern eines Programmierers und Hackers, der unter mysteriösen Umständen ums Leben kam (sein Selbstmord wurde in der Szene immer wieder angezweifelt). Die Eltern wehrten sich gerichtlich gegen die Nennung des Familiennamens und beriefen sich Persönlichkeitsrechte. Dies könnte noch eine Reihe von Klagen nach sich ziehen, denn es gibt wohl noch weitere Personen, die mit der Art der Darstellung in Wikipedia nicht einverstanden sind.
Allerdings hatte die Verfügung nur eine begrenzte Reichweite. Das deutsche Wikipedia war unter wikipedia.de nicht mehr erreichbar, aber noch immer unter de.wikipedia.org. Nur einen Tag später konnte Wikipedia die Wirkung der einstweiligen Verfügung wieder aufheben. Mehr über die Hintergründe dieses verwirrenden Falls, der plötzlich sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten hat, in einem Artikel von Burkhard Schröder bei Telepolis.

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Aus der Welt der Wikis: Gute Ratschläge zum 5. Geburtstag von Wikipedia

Anlässlich des fünften Geburtstags von Wikipedia gibt Torsten Kleinz auf Telepolis der Internet-Enzyklopädie fünf Ratschläge für die Zukunft.

  1. Das Projekt muss personell und finanziell besser organisiert, bzw. besser ausgestattet werden, damit es nicht Opfer des eigenen Erfolgs wird.
  2. Die Lizenz, welche die Nutzung von Wikipedia-Inhalten regelt, gestattet zwar eine kostenlose Nutzung, ist aber kompliziert und zudem inkompatibel zur Common Creative License, hier brauche es eine Lösung.
  3. Wikipedia muss die zweischneidige Frage der Transparenz lösen. Bei den Artikel-Editionen sei Wikipedia zu transparent, weshalb viele Leute aus Angst vor Nachforschungen durch Arbeitgeber oder andere ihre Beiträge nur anonym eintragen; bei den Entscheidungsfindungen und der internen Organisation von Wikipedia hingegen zuwenig transparent, da die Entscheidungsfindungen schwer durchschaubar seien.
  4. Wikipedia müsse mehr Fachwissenschaftler für die Mitarbeit gewinnen. Dafür ist im Juni 2006 eigens eine Konferenz in Tübingen anberaumt worden.
  5. Wikipedia müsse aktiver werden, um die eigenen Ansprüche und Ziele in der Öffentlichkeit zu vertreten, die durch zahlreiche Meldungen zu Falscheinträgen (wie bei Bertrand Meyer oder John Seigenthaler) einen einseitigen Eindruck von Wikipedia erhalten habe. Dazu kommen noch Schwierigkeiten mit Zensurmassnahmen (etwa in China) oder einstweiligen Verfügungen (wie kürzlich im Fall „Tron“).

Im Wesentlichen laufen die Ratschläge auf eine Professionalisierung des Projekts hinaus, mit dem unausgesprochenen Anspruch, die Qualität der Enzyklopädie zu sichern. Ich fürchte jedoch, dass die Professionalisierung dem Projekt den Schwung nehmen wird, den es so auszeichnet. Eine Professionalisierung bedeutet mehr Geld, dies führt zu steigenden Erwartungen der Geldgeber und schliesslich zu direkten oder indirekten Ausschluss-Prozessen von Mitwirkenden. Ob Wikipedia dann noch funktionieren kann oder zur Episode wird (wie das Vorgänger-Projekt Nupedia), wird die Zukunft weisen.
Problematisch finde ich die (vom Aspekten des Datenschutzes her verständliche) Forderung nach weniger Transparenz. Gerade die Offenlegung der Entwicklung der Artikel durch verschiedene Versionen der jeweils Verantwortlichen trägt wesentlich zur Vertrauensbildung und Qualitätssicherung bei. Wenn nur Eingeweihte (Fachredaktoren) diese Versionen einsehen dürfen, dann bewegt sich Wikipedia in konventionelle Richtung der Wissens- und Orientierungsgenerierung auf dem Netz. Und da ist die Konkurrenz wohl besser.

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HOK: Was es ist und zu welchem Zwecke es dienen soll

Die Historische Online-Kompetenz (HOK) entstand aus dem Bedürfnis heraus, den Einsatz von ICT (Information & Communication Technologies; auch bekannt als Neue Medien) in den Geschichtswissenschaften (in der Lehre, aber auch in der Forschung) evaluieren und beurteilen zu können. Dafür fehlten Kriterien, die sowohl die geschichtswissenschaftlichen Anforderungen als auch die medienspezifischen Voraussetzungen berücksichtigten. Die vorhandenen geschichtsdidaktischen Postulate an guten Geschichtsunterricht sind bislang kaum auf den Einsatz, bzw. die Nutzung von ICT angewendet worden. Sie haben auch nur beschränkt Aussagekraft für die wissenschaftliche Ausbildung an den Universitäten, wo der Einsatz von ICT eine bedeutendere Rolle als in der Mittelschule spielt. Auch der Einfluss von ICT auf geschichtswissenschaftliche Forschungsmethoden ist nur sehr spärlich reflektiert worden. Andererseits verfügen alle jene Empfehlungen und Untersuchungen zu Medien- oder Informationskompetenz über wenig fachspezifische Relevanz.
Die HOK versucht, allgemeine Kompetenzen der Geschichtswissenschaften zu bezeichnen und diese mit den Ausprägungen der Medien- bzw. Informationskompetenz zu kombinieren, um daraus Anforderungen abzuleiten, welche das Arbeiten oder Lernen mit ICT in den Geschichtswissenschaften erfüllen sollte.
Bei der Definition der HOK werden die Arbeitsbereiche der Geschichtswissenschaft vereinfacht auf

  • Informationsbeschaffung und -bewertung (Analyse),
  • Produktion von eigenen, neuen Darstellungen (Synthese) und
  • (selbst-)kritische Reflexion und Situierung im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext

In einem weiteren Vereinfachungsschritt unterscheidet die HOK zwischen den Kompetenzen „Lesen“, „Schreiben“ und „Reden“.

Diese Gliederung ist konsistent im Vergleich mit den Arbeitsbereichen, welche die Geschichtsdidaktik bezeichnet (Rüsen, Jeismann, Schreiber, Pandel) (siehe HOK und Theorie der Geschichtsdidaktik). Sie lässt sich auch in Verbindung bringen mit den Gliederungsvorschlägen der Informationskompetenz (welche die Informationsbeschaffung und -bewertung umfasst) und der Medienkompetenz (nach Baacke; siehe: HOK und Medienkompetenz).
Die Schwierigkeit dabei ist, dass ICT immer unter verschiedenen Aspekten gesehen werden kann: als Gegenstand, als Hilfsmittel oder als Werkzeug. Daher bezieht sich die Historische Online-Kompetenz jeweils auf diese drei Aspekte. (siehe HOK: drei Bezugsebenen der Kompetenzen).

Weitere Ausführungen zu finden via hist.net/hok

Aus der Welt der Wikis: Dubito, ergo sum

Bertrand Meyer, Professor für Software Engineering an der ETH, befasst sich in seinem Paper „Defense and Illustration of Wikipedia“ (PDF, 106KB) mit den verschiedentlich vorgetragenen Analysen, wonach das Prinzip von Wikipedia, jedem Schreibrecht zu gewähren, gar nicht funktionieren könne und über kurz oder lang die Qualität der Einträge sich auf einem niederen, wissenschaftlich unhaltbaren Niveau einpendeln müsse (Denning et al.; McHenry).
Meyer erwidert, die Praxis belege eher das Gegenteil: Dafür, dass dieses Projekt theoretisch gar nicht brauchbare Ergebnisse hervorbringen könne, funktioniere es im Alltag ganz hervorragend. Er bringt zwei Punkte an:

  • Vergleich: Der Vergleich mit den herkömmlichen Enzyklopädien (ob von Kritikern oder Befürwortern vorgebracht) ziele am Nutzen von Wikipedia vorbei: Es sei vielmehr eine Alternative zur schnellen Internet-Suche nach Informationen, die sonst über Suchmaschinen, bzw. über Google vorgenommen werden.
  • Nachvollziehbarkeit und Veränderbarkeit: Ausserdem biete Wikipedia (im Vergleich zu gedruckten Büchern, aber auch zu herkömmlichen Websites oder Posts im UseNet) die Möglichkeit, Fehler innert nützlicher Frist zu korrigieren. Auch wenn Fehler zuweilen lange unentdeckt blieben: sie können dann schnell und mit wenig Aufwand behoben werden.

Natürlich gilt diese Beobachtung besonders für fachlich wenig umstrittene Inhalte. Allerdings führt Meyer an, dass auch in der Informatik zuweilen die Diskussion-Seiten in Wikipedia gefüllt werden mit Vorwürfen der einseitigen Bevorzugung der einen oder anderen Software in gewissen Artikeln.
Meyer differenziert: Wikipedia nimmt eine besondere Rolle ein neben der für fachwissenschaftlichen Publikationen unverzichtbaren, wenn auch nicht vor Fehlern gefeiten Peer-Review-Methode. Es wird verschiedene Arten der Wissensrepräsentationen geben, die sich nicht ausschliessen sondern ergänzen. Wikipedia ist schnell aktualisiert und breit in den abgedeckten Themen; Fachpublikationen können dafür mehr in die Tiefe eines Phänomens gehen.

Letztlich kommt Meyer zum Schluss, der allgemein für die Nutzung des Internets gilt und als Leitmotto der Historischen Online-Kompetenz gelten könnte: dubito, ergo sum.

Since when are we supposed to trust everything that we read, printed, electronic or otherwise?

Einen besonderen Dreh erhält die Darlegung von Bertrand Meyer durch den Umstand, dass er in Wikipedia über die Weihnachtstage totgesagt wurde. Er wurde also selber Opfer jener Anfälligkeit von Wikipedia, die er analysiert. Dieser Wikipedia-Vandalenakt (oder in den Worten von Meyer: schlechter Studentenscherz) schaffte es in verschiedene Zeitungen und Online-Medien (zuerst bei Heise Online). Meyer beschreibt in einem Anhang die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte zu dieser Episode, die sich auch als Fallstudie eignen würde und natürlich Parallelen zum Fall Seigenthaler aufweist. Was mich bedenklich stimmte, war die Bemerkung Meyers, die Version, welche seinen Tod vermeldete, wurde mittlerweile gelöscht (ein Screen-Shot der Datei ist hier zu finden). Offenbar gibt es Möglichkeiten, alte Versionen in Wikipedia zu beseitigen, was ich als Historiker bedauerlich, ja bedenklich finde. Braucht es eine verbindliche Leitlinie zur Archivierung der Wikipedia?

Literatur

Übersicht: Aus der Welt der Wikis

Aus der Welt der Wikis: Wikis machen schlau – so oder so

Eine Reaktion von Erik Möller auf eine kritische Bemerkung in meinem Eintrag „Aus der Welt der Wikis: Legendenbildung“ hat verschiedene Konsequenzen:

  • Die Einsicht bei mir, dass Fragen nichts kostet: Wenn ich mich schon wundere, warum Erik Möller den besprochenen Sachverhalt nicht erkannt hat, wäre ein Mail ein Leichtes gewesen. Aber, wie an anderer Stelle bereits gesagt, man misst den eigenen Blogs ja nicht immer die Ausstrahlung zu, die sie zuweilen haben.
  • Die Erkenntnis, dass in der Wiki-Welt ein einfacher Link auf eine Webpage noch weniger ausreicht als bei konventionellen Websites. Damit wird die in (geisteswissenschaftlichen Kreisen zumindest) vorgeschlagene, aber auch nicht immer konsequent angewendete Vorgabe, zu jedem Link das Datum des Aufrufs hinzuzuschreiben, in ihrer Sinnhaftigkeit klar bestärkt. Möller schreibt nun, dass MediaWiki neuerdings (seit Sommer 2005) die Möglichkeit bietet, gezielt auf spezifische Archiv-Versionen von Wiki-Einträgen zu verlinken. Auch ein Teil historischer Online-Kompetenz: diesen Sachverhalt zu kennen und die Funktionalität auch anzuwenden.

Das Wikis schlau machen, sei es durch das Lesen der Inhalte oder durch die Auseinandersetzung mit ihrer Funktionalität, bestätigt auch der Artikel von Bertrand Meyer.

Übersicht: Aus der Welt der Wikis

Social Software in Mediotheken

Beat Döbeli schlägt eine interessante Idee vor, die im Zusammenhang mit kollaborativen Arbeitsweisen und historischen Online-Kompetenzen zu sehen ist: Social Software in Mediotheken. Er definiert Social Software als jene Software-Tools, die bei der Wissensgenerierung Gruppenprozesse unterstützt oder abbildet. Beispiele, die wir hier auch schon besprochen haben und mittlerweile sehr en vogue sind: Tagging, Social Bookmarking und mehr (siehe auch in der Rubrik „Suchen und Finden“ die Beiträge „Drei Königswege„, „Communities“ und „Tagging„).
(Die angesehene Computer-Zeitschrift c’t spricht angesichts dieser Gruppenfunktionalitätenbereits vom „Web 2.0“, der nächsten Version des Webs; c’t 1/2006, S. 174).

Döbeli erhofft sich davon vor allem, dass die Benutzer miteinander in Kontakt kommen, weil sie dank der Darstellung in der Social Software, die gleichen Bücher ausgeliehen zu haben, von ähnlich gelagerten Interessen Kenntnis erhalten. Ich bin da etwas skeptischer, da ich vermute, dass Datenschutz-Bedenken bei den Bibliotheks-Benutzerinnen und Benutzern die möglichen Vorteile einer solchen Verknüpfung von Namen und Titel überwiegen werden.

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