Gern aufgewärmt: die faulen (jungen) Bildschirmleser/innen

Sie kehren in regelmässigen Abständen wieder: die aufrüttelnden Artikel, die den Werte- und Intelligenzverfall beklagen, die das Internet verschuldet, und ebenso die Repliken, die diese kulturpessimistischen Attacken belächeln. Jüngstes Beispiel: Die Süddeutsche berichtet jüngst in leicht süffisanter Manier von einem Artikel in der Zeitschrift „The Chronicle of Higher Education„, betitelt Online Literacy Is a Lesser Kind, verfasst von Mark Bauerlein, Autor des Buchs (oder Pamphlets) „The Dumbest Generation“ ((Bauerlein, Mark: The Dumbest Generation. How the Digital Age Stupefies Young Americans and Jeopardizes Our Future (Or, Don’t Trust Anyone Under 30), New York: Penguin Press 2008.)) und Professor an der Emory University in Atlanta. Bauerlein fegt wortgewaltig über die faulen Studierenden her, die nur noch oberflächlich über die Internet-Seiten scannen und keine Inhalte mehr richtig verinnerlichen.

It is about the reading styles they employ. They race across the surface, dicing language and ideas into bullets and graphics, seeking what they already want and shunning the rest. They convert history, philosophy, literature, civics, and fine art into information, material to retrieve and pass along. That’s the drift of screen reading. Yes, it’s a kind of literacy, but it breaks down in the face of a dense argument, a Modernist poem, a long political tract, and other texts that require steady focus and linear attention — in a word, slow reading.

Dabei beruft sich Bauerlein auf eine Studie von Web-Useability Guru Jakob Nielsen (aus dem Jahr 2006), der feststellte, dass beim Lesen von Websiten oft ein F-Muster zu beobachten ist: Die obersten Zeilen werden gelesen, dann wird vertikal überflogen, dann in der Mitte noch einmal ein paar Zeilen gelesen, dann wieder vertikal überflogen. Das passt zu einer anderen Studie, von der Jakbo Nielsen berichtet, wonach auf Web-Pages nur 20% des Inhalts wirklich gelesen wird.

Was eigentlich interessante Hinweise auf sich verschiebende Lesegewohnheiten und damit verbunden Mediennutzungsgewohnheiten sind, wird hierbei schnell einmal generalisiert: a) „Richtig“ (nämlich langsam) Lesen am Bildschirm ist nicht möglich und b) alle jungen Menschen haben das Lesen verlernt, weil sie nur noch am Bildschirm sitzen und dort oberflächlich Informationen „abscannen“.

Hierzu fällt mir folgendes ein (auch in den von Bauerlein angeprangerten Bullet-Points…):

  • Soviel ich weiss, ist diagonales Lesen eine Technik, die bereits vor der Erfindung des Internets gerade im wissenschaftlichen Feld gang und gäbe war – und ist. Ok, ein Buch in die Hand zu nehmen, anstatt am Bildschirm zu sitzen, hat seine Qualitäten. Eine Gewähr, dass dann auch „langsam“ und gründlich gelesen wird, ist es keinesfalls. Muss es auch nicht. Denn die Lesetechnik ist vom konkreten Lesezweck abhängig.
  • Ich lese mittlerweile fast die Hälfte der Texte am Bildschirm. Der Grund: ich habe es satt, immer zig Ausdrucke und Bücher mit mir rumzuschleppen, weil ich möglicherweise im einen oder anderen noch etwas nachlesen möchte. Mein Laptop ist immer gleich schwer und digitale Texte verlege ich auch nicht so leicht. Ich verwahre mich logischerweise gegen den Vorwurf, ich würde alle diese Texte nur „scannen“ und oberflächlich überfliegen. Ein gründliches Lesen von Texten geht auch am Bildschirm.
  • Dieses „Digital Youth Bashing“ finde ich etwas öde. Es ist so einfach, auf unwissenden 20-jährigen herumzuhacken, die frisch aus der Schule kommen und naiv an der Universität rumtappsen – auch wenn mich das unbedarfte und unwillige Herumschlurfen zuweilen auch nervt. Hier verstellt man sich Möglichkeiten, differenzierter auf die veränderten Mediengewohnheiten und Medienpraktiken von jungen (aber auch von älteren) Menschen einzugehen und dabei auf Unterschiede zwischen und innerhalb von Generationen zu achten – aber auch auf Unterschiede je nach Nutzungskontext (siehe ersten Punkt). Auch hierzu haben wir schon einige Überlegungen angestellt und auf einschlägige Literatur hingewiesen.
  • In der Tat wird im Internet vor allem „diagonal“ gelesen, gescannt, gebrowst. So neu ist das eigentlich nicht, darüber haben wir schon vor drei Jahren hier berichtet. Da wäre den Diskussionsteilnehmer/innen geraten sich etwas intensiver mit der Theorie des Hypertexts auseinanderzusetzen, der gar nicht auf die gleiche Weise gelesen werden kann wie gedruckte Texte.
  • Offenbar aber, so meine Vermutung, tut sich die Gesellschaft und vor allem die Wissenschaft mit diesen veränderten Medienpraktiken und Lesegewohnheiten schwer. Diese ändern sich nicht nur bei den Jugendlichen, dort ist die Veränderung vermutlich am deutlichsten, weil a) die Jugendlichen eine Medienwelt ohne Internet nicht kennen und b) aus einem Schulsystem an die Universitäten kommen, wo für 80% der schulischen Anforderungen das „oberflächliche“ Lesen ausreicht, weil es in den Augen der Schüler/innen nur um Auswendiglernen und Reproduktion von Informationen geht. Es geht m.E. nicht um den Einsatz von Bildschirmen im Unterricht und auch nicht um eine Verlotterung einer gelangweilten Jeunesse Dorée. Es geht vielmehr darum, in einer Zeit ständiger Verfügbarkeit enormer Mengen von Information, den Sinn und Zweck von „Wissensarbeit“ (oder „Lernen“) deutlich zu machen. Denn wenn die Schüler/innen wissen, warum sie Bücher lesen sollen, wenn sie beispielsweise ein eigenes Projekt definieren und durchführen sollen oder dürfen, dann tun sie dies mit grosser Gründlichkeit, auch wenn sie sonst mit stupender Selbstverständlichkeit aus dem Internet Infos kopieren – so erfahre ich das jedenfalls in meinen momentan laufenden Untersuchungen.

6 Gedanken zu „Gern aufgewärmt: die faulen (jungen) Bildschirmleser/innen“

  1. Die Kommentare bei Metafilter bieten eine Diskussion zum Thema:
    http://www.metafilter.com/75017/Online-Literacy-Is-a-Lesser-Kind

    Der verlinkte Artikel hat eindeutig seine Schwächen. Aus einer durchaus interessanten Studie wird mal wieder eine reflexhafte Kritik der Jugend.
    Die Nielsen-Studie entspricht allerdings auch häufig meinem Leseverhalten im Web: Gerade dieses F-Muster beobachte ich doch recht häufig bei mir. Darüber sollte man schon diskutieren, denn im Prinzip bedeutet das, dass die dem Historiker ureigene Textform im Internet nicht funktioniert. Solche Texte müssen also anders geschrieben und anders präsentiert werden. Wir müssen also herausfinden, wie.

  2. Ich halte das Argument von der dummen, weil digitalen Jugend auch für ziemlich albern. Tröste mich aber damit, dass das offensichtlich ein Problem durch die Zeiten hinweg ist und man im späten 18. Jahrhundert das intensive Lesen (von Romanen) als schädlich empfunden hat. Die Lesewut/ Lesesucht wurde damals als schädlich betrachtet.

  3. @ Michael: Mich interessieren (oder besser: stören) ja die utnerstellten Kausalitäten: Lese ich im F-Muster, weil ich am Bildschirm lese, oder weil ich „im Internet“ lese, oder weil ich einen Hypertext lese (wenn schon dann eher das letztere)? Oder, was mich als Zugang vielversprechender erscheint und damit auch in einer Auswertung für die Bedeutung für die geschichtswissenschaftliche Praxis: nutzen wir das Web (als Teil des Internets) aufgrund seiner hypertextuellen Struktur vor allem für ein „Durchforsten“ nach Informationen – was eben in einem F-Schema-Lesen resultiert? Vielleicht ist das Web für diesen Modus des Lesens der Bibliothek in Bezug auf Schnelligkeit und Ergiebigkeit überlegen – das ist aber nur eine Vermutung. Auf jeden Fall wäre dann eine Aussage wie „die Jugend ist dumm, weil sie nur noch am Bildschirm liest“ nicht zu halten. Wenn schon müsste es heissen: „Nutzer/innen des Webs neigen dazu, vor allem Informationen zu scannen, weil der Modus des „Überfliegens“ von Informationen von diesem Medium besonders begünstigt wird, und sie lassen sich verleiten, nur diesen Modus anzuwenden, weil sie sich zu wenig Klarheit darüber verschaffen, wie sie Informationen verarbeiten“. Das ist natürlich nicht so griffig-spritzig wie „Trau keinem unter 30, denn die Jungen haben ihr (Halb-)Wissen nur am Bildschirm angelesen“.

    @ Zwerg: Genau, bzw. genauer: die Bewertung des Medienverhaltens (von Jungen, aber auch der ganzen Gesellschaft) ist Resultat eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, bei dem verschiedene Ansichten aufeinanderprallen. Und diesen spannenden Prozess können wir live beobachten.

  4. Ganz wichtig finde ich hierbei Herrn Hodels Anmerkung, dass die Fülle der Informationen im digitalen Zeitalter wesentlich und so dramatisch zugenommen hat, dass eskaum möglich ist anders als scannend zu lesen. Für vertiefende Informationen lesen auch Studierende die Texte ganz „traditionell“. Und zumindest in meinem Seminar gibt es viele Studierende, die sagen, dass sie lieber in die Bibliothek gehen, als ihre Informationen am Bildschirm zu erarbeiten. Das hängt weniger mit der Lesart von Hypertexten zusammen, als damit wie zuverlässig Informationen im Web sind. Um sie einordnen zu können, lese ich sie jedoch immer erst quer. Das tut aber auch jeder, der in der Biblithek mit einem großen Stapel Bücher von der Ausleihe kommt.

    Und was den Hypertext in der historischen Wissenschaft angeht, so bin ich immer noch der Meinung, dass er zwar anders als der traditionelle ist, aber keineswegs schlechter. Und ich sehe ihn nach wie vor als Chance eine neue Erzähltradition zu kreieren. Wichtig ist es doch neue Methoden für das Lesen und Schreiben am Bildschirm zu finden, anstatt ständig darüber zu jammern wie schlecht alles geworden ist. Wir wissen alle, dass früher alles besser war…

  5. Das F-Muster hat meiner Meinung nach mehrere Ursachen:
    1) Das Lesen am Bildschirm ist anstrengender als das Lesen von Papier. Selbst der beste TFT geht irgendwann auf die Augen und gerade bei PDFs stört die enorme Helligkeit.
    2) Ein Buch ist reiner Text, Webseiten sind häufig sehr ablenkend und mit bunten, blinkenden Bannern, Animationen und ähnlichem Zeugs ausgestattet. So stört z.B. dieser rosa Balken auf der chronicle.com Seite beim Lesen.
    3) Webbrowser neigen dazu, die Aufmerksamkeit abzulenken. Man hat immer mehrere Tabs offen, Katzenfotos sind im Zweifelsfall doch interessanter und man kriegt häufig eine ablenkende Email oder andere Nachrichten.
    4) Viele Texte im Internet sind einfach schlecht geschrieben. Der Artikel von Bauerlein ist da das beste Beispiel: Am Anfang wird die durchaus interessante Studie behandelt, aber dann verkommt der Artikel zu einer schlechten Jugendkritik. Anfangs liest man also genau, am Ende überfliegt man ihn nur noch.
    5) Die Informationsüberflutung im Internet kann man nur bewältigen, indem man selektiv liest und vieles überfliegt. Alleine um eine Seite wie Spiegel.de wirklich zu lesen, müsste man mehrere Stunden pro Tag investieren. So viel Zeit hat kein Mensch.
    6) Man liest generell mehr. In der Prä-Internetära hat ein normaler Mensch vielleicht eine Zeitung gelesen und abends die Tagesschau geguckt. Heute ist es problemlos möglich, den Spiegel, die New York Times, die Süddeutsche und die Zeit täglich anzusurfen.
    7) Gerade für deutsche User gibt es häufig den Sprachsprung – wir lesen einfach mehr englische Texte als früher. Plötzlich bemerkt man, dass man auch auf spanischen oder russischen Seiten navigieren kann, ohne viel vom Text zu verstehen.

    Weiterhin könnte es sich lohnen, die Studie einmal kritisch anzugucken. So wurden z.B. alle Pageviews, die länger als 10 Minuten dauerten, ausgeschlossen, weil angeblich der Browser offen gelassen wurde während der User etwas anderes tat. Das könnten aber auch genau die Leute gewesen sein, die einen Text genau lesen.

  6. Ein interessanter Aspekt ist die Frage wie schreibt man richtig für F-Muster Leser. In der Wikipedia ist die Bedeutung der Überschriften ganz hoch, da die Leser sich anhand von ihnen dorthin durch hangeln, wo die gesuchte Info ist. Das verlangt dann auch einen engen Zusammenhang zwischen Überschrift und Kapitelinhalt. Ein weiterer Punkt ist, dass das Inhaltsverzeichnis schnell lesbar sein sollte. Also nicht zu viele Unter- und Unter-Unterkapitel. Es gibt auch eine gewisse Wiederholung bei der Struktur ähnlicher Artikel, wodurch ebenfalls der Zugang für Leser und Schreiber erleichtert wird. Man muß nämlich daran denken, dass auch der Gelegenheitsautor erkennen können muß, wo die eigenen zwei Zeilen am besten eingefügt werden können.

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