Junge Wilde in Berlin

Es war ein komisches Gefühl heute auf dem Podium «Virtuelle Grenzen der Geschichtswissenschaft. Stand und Perspektiven der digitalen Geschichtsforschung» zu sitzen. Die letzten Jahre war es meine Rolle, an Konferenzen und Tagungen den Digitalen Clown zu spielen, den man nicht ernst nehmen muss und der von Sachen erzählt, die angeblich in baldiger Zukunft auf uns Historiker zukommen sollen und von denen die meisten Vertreter der Zunft eigentlich nichts wissen wollten.

Heute war das anders. Sehr anders. Heute sprachen Malte Rehbein, Georg Vogeler und Patrick Sahle von Sachen, die angeblich in baldiger Zukunft auf uns Historiker zukommen sollen und von denen die meisten Vertreter der Zunft nichts wissen möchten.

Heute war auch ich einer dieser Vertreter der Zunft und sie waren die jungen Wilden. Und plötzlich hatte ich das dumpfe Gefühl, vielleicht auch schon bald einer der Bedenkenträger gegen eine digitale Zukunft zu werden, einer derjenigen, die mich vor Jahren immer wieder an die Wand fahren liessen mit meinen Argumenten.

Ich kam mir alt vor heute.

Geistreich und pointiert war der historische Abriss über den Computer in der Geschichtswissenschaft von Malte Rehbein. Georg Vogeler skizzierte die Vision einer Geschichtswissenchaft, die aus lauter verknüpfbaren digitalen Objekten besteht und in welcher der Historiker zum Steuermann im Meer der digitalen Geschichtsobjekte wird. Patrick Sahle schliesslich zeigte die Variationsbreite einer digitalen Geschichtswissenschaft auf, indem er die neuen Arten der Wissensgenerierung beschrieb und zum Schluss kam, dass das Buch bestenfalls als eine Art analoger Spin-off neuer, digitaler Wissensformen bestehen werde.

Was sollte ich nach diesem intellektuellen Feuerwerk dreier junger Wilden sagen?

Dass das alles nicht so einfach sein wird? Dass wir doch noch einige kulturelle Restbestände der alten Zeit bewahren sollten? Dass wir nicht gleich über das Ziel hinaus schiessen sollten?

Ich kam mir etwas altbacken vor mit meinen Gedanken und zog es vor, zu schweigen. Aber weil das nicht geht, wenn man auf einem Podium sitzt, eingeladen von drei jungen Wilden, erzählte ich von den Perioden der Digitalisierung der Geschichtswissenschaft und von den Herausforderungen, die ich, zum klandestinen Bedenkenträger der älteren Generation mutiert, glaube feststellen zu können.

Ich war sehr froh, dass ich einige Stifte im Hörsaal vorfand, um meine Stichworte in etwas kraxeliger Schrift auf die Tafel schreiben zu können.

3 Gedanken zu „Junge Wilde in Berlin“

  1. Schade, da war ich wohl zu spät dran. Aber ich kam mir schon seltsam fremd vor, inmitten dieser vielen Stifte und Blöcke. Ansonsten fehlte in der letzten Stunde jedes aufregende Element. Nur, dass Historiker immer so tun, als würden sie dauernd Powerpoint nutzen, war schon lustig. Präsentationstechnisch sind andere Wissenschaften viel, viel weiter. Der Abstand der Historiker nicht nur von der allgemeinen Bevölkerung ist groß, sondern vielleicht auch von den Nachbarwissenschaften. Selbst schuld, bleiben wir doch lieber bei Powerpoint und DVD und fühlen uns wie die Elite der Zunft.

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