Vierzig Jahre Internet. Oder ähnlich.

arpanet

Laut einem Bericht der Basler Zeitung startete das Internet am «2. September 1969 […] als militärisches Computernetz». Plausibler scheint ein etwas späteres Datum zu sein – aber lassen wir den Massenmedien ihre Freude an den runden Geburtstagen. Aus mehr oder weniger gegebenem Anlass haben aber auch wir ein paar Notizen zum Thema verfertigt.

Die Geburtsstunde des Internet wird gerne auf den sogenannten Sputnik-Schock 1957 datiert. Um den Rückstand der USA in der technisch-wissenschaftlichen Forschung aufzuholen, wurde damals die Advanced Research Projects Agency (ARPA) gegründet. Zu den Aufgaben der ARPA gehörte es, neue Technologien im Bereich Kommunikation und Datenübertragung zu entwickeln. Die ARPA verfolgte die Strategie, keine eigenen Forschungseinrichtungen zu betreiben, sondern mit universitären und industriellen Vertragspartnern zu kooperieren.

Da die ARPA auch Grundlagenforschung ohne direkten Anwendungsbezug finanzierte, waren die kooperierenden Wissenschafter in der Themenwahl recht frei und bei den Anträgen reichten vage Andeutungen auf den militärischen Nutzen; zudem unterstanden die Ergebnisse keiner Geheimhaltungspflicht, sondern die geförderten Einrichtungen wurden im Gegenteil dazu angehalten, ihre Ergebnisse zu publizieren. Die ARPA ermunterte die Wirtschaft zudem, die Resultate aus erfolgreichen Forschungsarbeiten umzusetzen; auf diese Weise profitierte die ARPA von günstigen Preisen, die bei einer Marktreife neuer Technologien sich in der Regel dank hoher Stückzahlen einstellten.

Eines der Schwerpunkte in der durch die ARPA geförderten Forschungstätigkeit war die Verbesserung des Austausches von Computerdaten. Dieser bildete bei der in den 1960er Jahren einsetzenden Miniaturisierung von Datenverarbeitungseinrichtungen einen hinderlichen Engpass. So war der physische Austausch von Datenträgern notwendig, um Daten von einem Rechner auf den anderen zu transferieren. Datenträger – das waren vor allem Lochkarten und Magnetbänder. Da normierte oder wenigstens standardisierte Datenformate fehlten, war der Datenaustausch nur möglich zwischen Computern desselben Herstellers oder sogar nur zwischen Computern des gleichen Typs.

Computer galten als „Rechenknechte“, deren Potential bei weitem nicht ausgeschöpft wurde. Einer der frühen Pioniere einer weitergehenden Computernutzung war Joseph Licklider (1915–1990). Er hatte Physik, Mathematik und Psychologie studierte und wurde Professor in Harvard; seit 1950 lehrte er am Massachusetts Institut of Technology (MIT) Psychoakustik und wechselte später zur ARPA. Für Licklider waren Computer nicht einfach nur Rechenmaschinen, sondern er sah in diesen neuartigen Geräten Hilfsmittel, welche die Möglichkeiten des Menschen erweitern und als Denkwerkzeuge funktionieren könnten. Er griff damit den alten Traum von denkenden Maschinen auf – einen phantasmatischen Traum, der auch die weitere Entwicklung des Computers und des Internet begleiten wird.

Licklider begann Computerdisplays zu entwickeln und schrieb 1960 einen vielbeachteten Aufsatz mit dem Titel Man-Computer Symbiosis. Er skizzierte in diesem kurzen Text eine mögliche Neuorientierung der Computertechnik hin zu den Bedürfnissen der Benutzer und sah in der Computerentwicklung ein Potential nicht nur für das Militär, sondern auch für Wissenschaft und Verwaltung.

Bei ARPA entstand ein neuer Schwerpunkt, das im neuen Information Processing Techniques Office (IPTO) zusammengefasst und das von Licklider geleitet wurde. Licklider stellte den interaktiven Umgang mit sowie die Vernetzung von Computern in den Mittelpunkt seiner Politik und förderte die Entwicklung von Betriebssystemen, die nach dem Time-Sharing-Prinzip arbeiteten; damit wurden Computer bezeichnet, die gleichzeitig von mehreren Anwendern genutzt werden konnten. Dies ermöglichte eine optimale Nutzung der teuren Einrichtungen, warf aber auch die Frage auf, ob es nicht möglich wäre, die Apparaturen aus der Distanz zu nutzen.

Damit stellte sich aber auch die Frage, welche topologischen Qualitäten ein solches Netz aufweisen soll. Typischerweise wurden mehrere Terminals sternförmig an einen Rechner angeschlossen, was aber mit gravierenden Nachteilen verbunden war: So liessen sich zum Beispiel immer nur Rechner des gleichen Typs miteinander verbinden und bei einem Leitungsfehler war unter Umständen mit einem Totalausfall des gesamten Netzes zu rechnen. Als Alternative entstand das Konzept eines Netzwerkes, das nicht sternförmig, sondern wabenartig als distributed network konzipiert wurde. Da die einzelnen Rechner nicht nur mit dem Zentralrechner, sondern auch untereinander verbunden waren, fiel dank einer gewissen Netzredundanz bei einem Ausfall des zentralen Knotens nicht das gesamte Netzwerk aus.

Zudem sah die Netzarchitektur eine sogenannte paketorientierte Nutzung vor. Während zum Beispiel bei der Telephonie eine feste Verbindung zwischen den beiden Gesprächspartnern besteht, wurde im neu konzipierten ARPA-Computernetz die Nachricht in viele kleine Pakete aufgeteilt; so liess sich das Datenaufkommen besser im Netzwerk aufteilen, da für jedes Paket ein optimaler Weg bestimmt und verwendet wird; wenn zum Beispiel ein Leitungsabschnitt überlastet oder ausgefallen ist, dann wird einzelnen Datenpaketen eine andere Route zugewiesen. Beim Zielrechner werden alle Pakete wieder zusammengestellt und auf Vollständigkeit überprüft; fehlende oder fehlerhaft übertragene Pakete werden nachgefordert. Da jedes Paket einzeln adressiert wird, wird keine zentrale Steuereinheit für den Netzwerkverkehr notwendig, da jeder Rechner im Netz jedes Paket weiterbefördern kann.

Trotz anfänglicher Skepsis – dieses System des Packet switching schien unnötig komplex und schwerfällig zu sein – wurde es 1965 erstmals von der Société Internationale de Télécommunication Aeronautique eingesetzt und wurde ein grosser Erfolg. An diesem ersten grossen paketvermittelten Computernetzwerk waren 175 Fluggesellschaften angeschlossen und wickelten über dieses Netz ihre gesamte internationale Kommunikation ab. Bereits 1973 war das Datenvolumen dieses Netzes grösser als der gesamte damalige Telegraphieverkehr.

1966 wandte auch das IPTO diese Technologie an, um die diversen mit dem ARPA liierten Computerzentren miteinander zu vernetzen. So entstand das ARPANET, das von Anfang an ganz unterschiedliche Hardware-Plattformen integrieren musste. Das Ziel war, ein zuverlässiges, störungsresistentes Netz auf der Basis der neuen Pakettechnik zu bauen, das den Datenaustausch zwischen Rechnern unterschiedlicher Hersteller ermöglichte. Durch die Vernetzung sollten teure Hochleistungsrechner allen beteiligten Forschungseinrichtungen gemeinsam zur Verfügung stehen.

Die Vernetzung der von ARPA finanzierten Forschungseinrichtungen begann 1969 und Ende Jahr waren die ersten vier Zentren miteinander verbunden: die Universitäten von Kalifornien in Santa Barbara und Los Angeles, das Stanford Research Institute und die Universität von Utah. Die Universität Harvard und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) folgten kurze Zeit später. Mitte 1971 waren bereits mehr als dreissig verschiedene Computerzentren in das Netz eingebunden.

Bild: http://www.japanorama.com/images/ARPANET_1969.gif

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.