GMW 07: Tag 1 – OpenAccess und Netzwerktheorien

Was bin ich blöd, dachte ich beim Hinsetzen, dass ich (neben vielen anderen) mich immer wieder dazu hinreissen lasse, mir die Eröffnungs-Vorträge von Tagungen zuzumuten. Der Erkenntnisgewinn ist minimal, der Sprachduktus einschläfernd und die Zeit wird nie eingehalten. Aber siehe da: Gemessen an meinen (zugegeben geringen) Erwartungen war diese Eröffnung ein regelrechtes Feuerwerk.

Es begann mit Rolf Schulmeister, der einige treffende Bemerkungen zur gegenwärtigen Entwicklung der Hochschul-Ausbildung vortrug. Warum, so beispielsweise eine seiner Frage, solle eine berufsbefähigende Ausbildung (=Bachelor) der wissenschaftlichen Bildung vorgeschaltet werden? Warum soll nicht die wissenschaftliche Ausbildung selbst zur Berufsbefähigung führen?

Sabine Beger, Leiterin der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, plädierte mit einem unterhaltsamen, engagierten und pointierten Vortrag dafür, dass die Wissenschafter sich auf OpenAccess einlassen sollten („Schuld an der heutigen Situation der überhöhten Lizengebühren für wissenschaftliche Publikationen sind Sie, wie Sie hier alle sitzen – die Verlage folgen nur ihren legitimen kaufmännischen Interessen“).

Norbert Bolz überzeugte mit einem frei gehaltenen Vortrag, der unter dem Titel „Studieren 2.0“ mit dem einen gross-angelegten, einleuchtenden Überblick über Netzwerk-Theorien, Wirklichkeit des web 2.0 (mit den Parade-Anwendungen Blogs und Wikis) und Spezifika der Offline-Lehre aufwartete. Bolz hob als Theoriemodell für digitale Netzwerke die „Strenght of weak ties“ hervor (die Theorie stammt allerdings noch aus dem vordigitalen Zeitalter), die im Internet nicht nur gefördert, sondern sogar prämiert werde. Er wies auch auf den Long-Tail-Effekt hin, der es eben auch den Nischen-Playern ermöglichte, sich auf dem „Markt“ des Netzes (das eigentlich die Grossen belohnt und in der Wahrnehmung und Interaktionsdichte einer Pareto-Verteilung folgt) zu etablieren. Beim web 2.0 hob er Blogs und Wikis hervor und wies darauf hin, dass Blogs den Abschied von der seit der Aufklärung vorherrschenden Koppelung von Publizität und objektivität bedeuteten. Blogs beziehen ihre Legitimierung durch Authentizität, die in emotionaler Sprache und Partizenship, also deklarierter Parteilichkeit, bestehe. Wikis wiederum seien ein Beispiel (hier hob Bolz jedoch vor allem auf den Fall Wikipedia ab) der Selbstorganisation des (Laien)Wissens, die für Vertreter des Professionswissen naturgemäss bedrohlich sein müsse. Aber, auf dem Markt der Meinungen, so Bolz optimistische Einschätzung, stelle sich sowohl Qualität wie Objektivität eben doch wieder ein. Am Schluss seiner Ausführungen wies Bolz dann aber doch auch auf die Qualität einer analogen Kultur hin, und macht am Beispiel des MIT, das komplett in SecondLife präsent sei, klar, dass die Qualität des Lehrer-Schüler-Verhältnisses in der physischen, offline Situation durch keine noch so guten digitalen Lernszenarien ersetzt werden könne. Deshalb habe das MIT kein Problem damit, das komplette Angebot in SecondLife anzubieten. Das Original ist immer besser als die Abbildung (Warum dann aber der Aufwand, frage ich mich…).

Es schloss sich die Sektion „Ideen für Lernszenarien I“ an, in der Peter Haber und ich mit dem Beitrag „Das kollaborative Schreiben von Geschichte als Lernprozess. Eigenheiten und Potential von Wiki-Systemen und Wikipedia“ vertreten waren (dort fand sich zu meinem Erstaunen auch das Projekt medi@rena wieder, das mich ja schon am Dienstag nicht so recht überzeugen mochte) und schliesslich (mit gehöriger Verspätung, da Schulmeister, Reger und Bolz erheblich überzogen) die erste Tranche der Mediaprix-Finalisten-Präsentationen (siehe separaten Eintrag).

Der Tag klang aus bei einem Empfang in der Handelsakademie, wo nebst Getränken und belegten Brötchen auch noch eine Politiker-Rede (Wissenschafts-Senator Jörg Dräger) und eine Industrievertreter-Rede (Intel-Mann Hannes Schwaderer) gereicht wurde, wobei vor allem letztere laut Aussagen von Kollegen, die dieser Präsentation beiwohnten, sehr „schmerzhaft“ gewesen sein soll. Ich selber bin (leider) anderweitig in einem der vielen „Tür-und-Angel“-Gespräche, die ja eigentlich das Wesentliche dieser Tagungen ausmachen, hängengeblieben und habe diese Highlight verpasst.

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