deletionpedia: Wühltisch, Müllhalde, Anti-Archiv?

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Man kann sich ja schon darüber streiten, welchen Wert die Artikel haben, die den Kampf zwischen Inklusionisten und Exklusionisten und die Kontrolle der WP-Watchdogs überstehen: Aber welchen Wert jenen Artikeln zugemessen werden soll, die von der Wikipedia-Community der Löschung übergeben werden, ist nun wirklich eine Sache, die (wie beim Alt-Material-Handel, bzw. der Abfallentsorgung) je nach Blickwinkel und persönlichem Interesse unterschiedlich ausfallen wird. Nun ist es möglich, sich davon selbst ein Bild zu machen; und zwar auf „deletionpedia„, einer Website, die alle gelöschten Artikel aus der (englischsprachigen) Wikipedia zusammenträgt (die allerdings nicht mehr weiterbearbeitet werden können).
Der Stern sieht hier ein „Forschungsprojekt für Soziologiestudenten„; ich halte es lieber mit James Gleick, der im Wall Street Journal die Auseinandersetzung zwischen Inklusionisten und Exklusionisten als Ausdruck grundsätzlich verschiedener Konzepte vom Umgang mit Wissen versteht und (nicht sonderlich originell, aber passend) auf Jorge Luis Borges „Bibliothek von Babel“ verweist,

the infinite library, increasingly indistinguishable from the universe itself.

Für mich ist es Anlass, wieder einmal darüber nachzudenken, was das „Internet“ eigentlich noch vergessen kann. Ist deletionpedia ein Beispiel für den „Fluch des endlosen digitalen Gedächtnisses“ dank der Kombination von menschlichem Sammeltrieb und billigem Massenspeicher; für die Missachtung archivalischer Grundprinzipien, wonach Materialen und Informationen vernichten werden müssen, um das kulturelle und institutionelle Gedächtnis nicht zu überladen und damit funktionsfähig zu erhalten? Zwar versprechen Google und Co. den Wust an Daten zu bewältigen, aber das Versprechen wirkt schal (wie Kollega Haber gerade wieder jüngst in Erinnerung gerufen hat (Vgl. auch den Beitrag „Vergessen von Peter Haber“))). Tja. deletionpedia. Informationen, die gelöscht werden sollten – und nun einen Weblog-Beitrag hervorgebracht haben.

3 Gedanken zu „deletionpedia: Wühltisch, Müllhalde, Anti-Archiv?“

  1. Die Sache hat natürlich noch einen kulturhistorischen Hintergrund, den man nicht unerwähnt lassen sollte und der wohl über den mittlerweile wirklich etwas überstrapazierten Verweis auf Borges hinausgeht: Nicholson Baker hatte anfangs Jahr in der NYT auf das Problem der gelöschten Beiträge hingewiesen und gefordert, dass diese gerettet werden sollten.

    Nun ist Baker nicht irgendwer, sondern der Mann, der die Bibliothkare in den USA (und anderswo) bereits mehrmals in Rage vesetzt hatte. In seinem fulminanten Buch «Double Fold. Libraries and the Assault on Paper» wies er minutiös die Stümperhaftigkeit und die Naivität der amerikanischen Bibliotheken nach, mit der sie die Mikroverfilmung und anschliessende Vernichtung ihrer Zeitungssammlungen angegangen waren. Das gleiche tat er dann auch in seinem Essay «Verzettel», in der es um die diletantische Digitalisierung der Zettelkataloge ging.

    Und nun also Wikipedia. Ich denke, dass Baker (und nun auch das hier vorgestellt Projekt) exakt in diese digitale Leerstelle zielen, die uns alle beschäftigt und auf die noch niemand eine Antwrt hat.

    Keine Antwort aber ein bisschen Lesestoff gibt es zu diesem Thema übrigens in gleich zwei Arbeitsgruppen meines Seminars «Archiv, Speicher, Gedächtnis»: Sowohl zum Thema «Vom Vergessen» gibt es eine Literaturliste, als auch zum Thema «Das Internet als Archiv und Speicher». Und dass es auch in der Wikipedistik um dieses Thema geht, brauche ich wohl nicht eigens zu erwähnen.

  2. Lieber Herr Dr. Graf, lieber Kollega Haber

    ich bin froh, wenn ergänzende Mitteilungen in den Kommentaren eingefügt werden, zumal mir die gar knapp bemessene Zeit nicht immer erlaubt, uns nahestehende, ja selbst den eigenen Weblog mit gebührender Aufmerksamkeit auf Parallelitäten zu durchforsten. Darum gibt es ja diese tolle Kommentarfunktion!! Von «Ignorieren» würde ich daher nicht sprechen wollen…! Dies liegt mir (und bestimmt auch den anderen Autor/innen des Weblogs) fern.

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