Digitales Gedächtnis (2)

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Auf der Fahrt zurück aus der Bundeshauptstadt gestern Abend habe ich mir überlegt, wie ich einem Aussenstehenden beschreiben könnte, was ich die letzten beiden Tage erlebt habe: War das eine wissenschaftliche Fachtagung? Ein Polit-Forum? Eine Weiterbildungsveranstaltung für die Branche? Oder war das die inoffizielle Vernehmlassung des Berichtes zur Memopolitik, den das Bundesamt für Kultur in wenigen Wochen veröffentlichen wird?

Die Eckdaten zuerst: Die Schweizerische Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) hatte als Thema für ihre diesjährige Herbsttagung «Das digitale Gedächnis der Schweiz. Stand, Herausforderungen, Lösungswege» gewählt. Eine kleine Pikanterie am Rande: Der ursprüngliche Titel der Tagung lautete schlicht und einfach «Memopolitik» – wie man übrigens dank digitalem Gedächtnis mit zwei Mausklicks sehen kann – und man wüsste sehr gerne, wieso der Titel schliesslich abgeändert wurde oder werden musste. Zurück zur Tagung: Die Teilnehmerliste umfasste rund 200 Leute, die meisten aus der Schweiz, die meisten aus sogenannten Gedächtnisinstitutionen, die meisten in leitenden Positionen beschäftigt. Fast interessanter an der Liste war indes, wer nicht darauf stand: Zum Beispiel leitende Persönlichkeiten von leitenden Gedächtnisinstitutionen in diesem Land …

Beeindruckend fand ich einerseits das grosse Interesse am Thema, auf der anderen Seite aber die Unbedarftheit, mit der hier – einmal mehr – ziemlich viele Aspekte eines komplexen Themas durcheinander gewirbelt wurden. Einige Beispiele: Obwohl im Titel vom «digitalen Gedächtnis» die Rede war, sprach man an der Tagung dauernd von «Digitalisierung». Mit Digitalisierung ist aber die nachträgliche Digitalisierung von analogen Dokumenten, Bildern oder sonstigen Informationsträgern gemeint. An der Tagung indes wurde mit Digitalisierung auch der Umgang mit «digital born» Informationen gemeint – was doch eine ziemlich andere Baustelle ist!

Ein anderes Beispiel: Das Thema Memopolitik war an der Tagung fast allgegenwärtig. So hielt Mirta Olgiati (IDHEAP) einen interessanten Vortrag und war auch in den Diskussionen sehr präsent. Emanuel Amrein (BAK) moderierte einen Workshop und Marc Wehrlin, Vizedirekor des BAK, hielt einen Vortrag und nahm am Podiumsgespräch im letzten Teil der Tagung teil. Das waren auf jeden Fall sehr bereichernde Momente für die Debatten. Aber Memopolitik und digitales Gedächtnis sind nun mal nicht die gleichen Baustellen. Es gibt eine grosse gemeinsame Schnittfläche, aber wenn man das digitale Gedächtnis auf die Memopolitik reduziert und umgekehrt Memopolitik auf digitales Gedächtnis, dann ist – analytisch und vermutlich auch politisch – nichts gewonnen, aber viel verloren.

Und noch ein Beispiel: Mit dem grossartigen Charme eines Chemikers, der sich in die Kulturwissenschaften verirrt hat, erläuterte Ruedi Gschwind vom Imaging und Media Lab der Universität Basel in einem sehr luziden und anregenden Vortrag dem Publikum die Notwendigkeit eines Kompetenzzentrums für Langzeitarchivierung. Ein solches Zentrum wurde auch in der ursprünglichen Version der Empfehlung, die gestern verabschiedet wurde, von der Politik verlangt. Der Begriff Kompetenzzentrum ist aber, wie wir wissen, ganz und gar nicht Föderalismus-kompatibel und auf dem bundespolitischen Parkett schlicht im «No go»-Bereich. Gschwind korrigierte in der Diskussion dann die Begrifflichkeit auch sehr geschickt und sprach von einer «Servicestelle Storage». Wäre sein Vortrag nicht im dritten und letzten Teil der Tagung, sondern am Anfang eingeplant gewesen, hätten sich die Missverständnisse vermeiden lassen und Gschwinds so enorm wichtiger Vorschlag hätte sich vermutlich in der Empfehlung halten können.

Aber allen negativen Punkten zum Trotz: Die Tagung war ein Erfolg alleine schon dadurch, dass sie stattgefunden hat und dass sie die Aufmerksamkeit auf diesen wichtigen Themenkomplex hat lenken können. Die rhetorische Brillanz und die analytische Schärfe, mit welcher der Generalsekretär der SAGW, Markus Zürcher, durch die beiden Tage geführt hat, wog einige konzeptionellen Mängel der Tagung auf. Die Postersession – und natürlich nicht zuletzt die sehr konzise Präsentation von infoclio.ch vor einem grösseren Publikum durch Suanna Burghartz und Regina Wecker – demonstrierten eindringlich Aktualität und Relevanz der Thematik. Und dass nach Jahren des Konzipierens und Evaluierens irgendwann die Phase der Realisierung in absehbare Nähe rücken sollte.

2 Gedanken zu „Digitales Gedächtnis (2)“

  1. «Vermehrt» bedeutet ja immerhin, dass unsere Beiträge intensiv, das heisst doch mehrmals gelesen werden (denn der Begriff taucht nur gerade zweimal auf), was, medienhistorisch gesehen, gar nicht so uninteressant ist, ist doch das extensive Lesen (viele Weblogs einmal lesen) eine neuzeitliche, mit dem Buchdruck aufgekommene Art des Lesens, während das intensive Lesen (ein Weblog mehrmals lesen) eher der vormodernen Lesepraxis zuzurechnen ist. Die Sache mit der Bundeshauptstadt scheint tatsächlich ein germanischer Import, mithin also meiner eher extensinven denn intensiven Lesepraxis geschuldet zu sein. Immerhin hat aber Frau Teuscher, ihres Zeichens grüne Nationalrätin aus Bern, im Jahre 2001 eine Motion eingereicht, die den Titel trug «Bundeshauptstadt. Fairness und Unterstützung». Ansonsten scheint Wikipedia nicht gänzlich falsch zu liegen.

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